Martin Luther

Der Mann für seine Zeit

Menü Schließen

Kategorie: Luther als Reformator

Der Protest der Fürsten

Eines der mächtigsten je für die Reformation abgelegten Bekenntnisse ist der von den christlichen Fürsten Deutschlands 1529 auf dem zweiten Reichstag zu Speyer erhobene Protest. Der Mut, die Zuversicht und die Entschiedenheit dieser frommen Männer bahnten kommenden Geschlechtern den Weg zu Glaubens- und Gewissensfreiheit. Wegen dieses Protestes hießen die Anhänger des neuen Glaubens fortan Protestanten; die Grundsätze ihres Protestes „sind der wesentliche Inhalt des Protestantismus“. (D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 13.Buch, 6.Abschnitt, 59) {GK 197.1}

Ein dunkler und drohender Tag war für die Reformation angebrochen. Der Erlaß von Worms hatte Luther für vogelfrei erklärt und die Verbreitung des evangelischen Glaubens untersagt; doch beließ man es im Reich bei einer religiösen Duldung. Die göttliche Vorsehung hatte die der Wahrheit widerstreitenden Mächte im Zaum gehalten. Wohl war Karl V. entschlossen, die Reformation auszurotten; so oft er aber die Hand zum Streich ausholte, zwangen ihn immer wieder besondere Umstände, davon abzusehen. Mehrmals schien der unmittelbare Untergang aller Gegner Roms unausbleiblich; aber in diesen kritischen Zeitpunkten bewahrte sie einmal das Erscheinen des türkischen Heeres an der Ostgrenze vor Verfolgung, zum andern zogen der König von Frankreich, ja gar der Papst, mißgünstig gestimmt über die zunehmende Größe des Kaisers, gegen diesen in den Krieg. Dadurch bot sich der Reformation inmitten der Streitigkeiten der Völker Gelegenheit, sich innerlich zu festigen und auszubreiten. {GK 197.2}

Schließlich hatten die katholischen Fürsten ihre Zwistigkeiten beigelegt, um gemeinsam gegen die Reformatoren vorgehen zu können. Der Reichstag zu Speyer im Jahre 1526 hatte jedem der deutschen Länder völlige Freiheit in Religionssachen zugebilligt bis zur Einberufung eines allgemeinen Konzils. Doch kaum waren die Gefahren, unter denen dieses Übereinkommen vereinbart wurde, vorüber, berief der Kaiser 1529 einen weiteren Reichstag nach Speyer, um die Ketzerei zu vernichten. Die Fürsten sollten womöglich durch friedliche Mittel veranlaßt werden, sich gegen die Reformation zu erklären; sollte das jedoch ergebnislos sein, wollte der Kaiser zum Schwert greifen. {GK 197.3}

Die päpstlich Gesinnten stellten sich in gehobener Stimmung zahlreich in Speyer ein und legten ihre Feindseligkeit gegen die Reformatoren und ihre Gönner offen an den Tag. Da sagte Melanchthon: „Wir sind der Abschaum und der Kehrricht der Welt; aber Christus wird auf sein armes Volk herabsehen und es bewahren.“ Den evangelischen Kirchenfürsten, die an dem Reichstag teilnahmen, wurde es sogar untersagt, das Evangelium in ihrer Wohnung predigen zu lassen. Doch die Menschen in Speyer dürsteten nach dem Worte Gottes, und Tausende strömten trotz des Verbotes zu den Gottesdiensten, die in der Kapelle des Kurfürsten von Sachsen abgehalten wurden. {GK 198.1}

Kaiser Karl V., von Juan Pantoja de la Cruz, nach einem Gemälde von Tizian, um 1550

Dies beschleunigte die Entscheidung. Eine kaiserliche Botschaft forderte den Reichstag auf, den Gewissensfreiheit gewährenden Beschluß, da er zu großen Unordnungen Anlaß gegeben habe, für null und nichtig zu erklären. Diese willkürliche Handlung erregte bei den evangelischen Christen Entrüstung und Bestürzung. Einer sagte: „Christus ist wieder in den Händen von Kaiphas und Pilatus.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) Die Römlinge wurden immer heftiger. Ein von blindem Eifer ergriffener Päpstlicher erklärte: „Die Türken sind besser als die Lutheraner; denn die Türken beobachten das Fasten, und diese verletzen es. Man darf eher die Schrift als die alten Irrtümer der Kirche verwerfen.“ Melanchthon schrieb über Faber, den Beichtvater König Ferdinands und späteren Bischof von Wien: „Täglich schleuderte er in seinen Predigten einen neuen Pfeil gegen die Evangelischen.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) {GK 198.2}

Die religiöse Duldung war gesetzlich eingeführt worden, und die evangelischen Länder waren entschlossen, sich jedem Eingriff in ihre Rechte zu widersetzen. Luther, der noch immer unter der durch das Edikt von Worms auferlegten Reichsacht stand, durfte in Speyer nicht teilnehmen; seine Stelle nahmen seine Mitarbeiter und die Fürsten ein, die Gott erweckt hatte, seine Sache bei diesem Anlaß zu verteidigen. Der edle Kurfürst Friedrich von Sachsen, Luthers früherer Beschützer, war gestorben; aber auch Kurfürst Johann, sein Bruder und Nachfolger, hatte die Reformation freudig begrüßt. Während er sich als ein Freund des Friedens erwies, legte er gleichzeitig in allen Glaubensangelegenheiten Mut und große Tatkraft an den Tag. {GK 198.3}

Die Priester verlangten, die Länder, die sich zur Reformation bekannt hatten, sollten sich der römischen Gerichtsbarkeit bedingungslos unterwerfen. Die Reformatoren auf der andern Seite machten die Freiheit geltend, die ihnen früher gewährt worden war. Sie konnten nicht einwilligen, daß Rom jene Länder unter seine Herrschaft brächte, die das Wort Gottes mit so großer Freude aufgenommen hatten. {GK 199.1}

Man schlug schließlich vor, das Edikt von Worms solle dort streng gehandhabt werden, wo die Reformation noch nicht Fuß gefaßt hätte; „wo man aber davon abgewichen und wo dessen Einführung ohne Volksaufruhr nicht möglich sei, solle man wenigstens nicht weiter reformieren, keine Streitfragen verhandeln, die Messe nicht verbieten, keinen Katholiken zum Luthertum übertreten lassen“. (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) Dieser Vorschlag wurde zur großen Genugtuung der päpstlichen Priester und Prälaten vom Reichstag genehmigt. {GK 199.2}

Falls diese Maßregel „Gesetzeskraft erhielt, so konnte sich die Reformation weder weiter ausbreiten … wo sie noch nicht war, noch wo sie bestand, festen Boden gewinnen“. (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) Die Freiheit der Rede würde dadurch verboten, keine Bekehrungen mehr gestattet werden. Von den Freunden der Reformation wurde verlangt, sich diesen Einschränkungen und Verboten ohne weiteres zu unterwerfen. Die Hoffnung der Welt schien dem Erlöschen nahe. „Die … Wiederherstellung der römischen Hierarchie mußte die alten Mißbräuche hervorrufen“, und leicht konnte eine Gelegenheit gefunden werden, „das so stark erschütterte Werk durch Schwärmerei und Zwiespalt vollends zu vernichten“. (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) {GK 199.3}

Landgraf Philipp von Hessen, Portrait von Hans Krell, 1534, Bedeutender Vertreter der evangelischen Fürsten

Als die evangelische Partei zur Beratung zusammentrat, blickte man sich bestürzt an. Von einem zum andern ging die Frage: „Was ist zu tun?“ Gewaltige Folgen für die Welt standen auf dem Spiel. „Sollten die führenden Köpfe der Reformation nachgeben und das Edikt annehmen? Wie leicht hätten die Reformatoren in diesem entscheidenden Augenblick, der in der Tat außerordentlich wichtig war, sich dazu überreden können, einen falschen Weg einzuschlagen. Wie viele glaubhafte Vorwände und annehmbare Gründe für ihre Unterwerfung hätten sich finden lassen! Den lutherisch gesinnten Fürsten war die freie Ausübung ihres Glaubens zugesichert. Dieselbe Begünstigung erstreckte sich auch auf alle ihre Untertanen, die, noch ehe die Maßregeln getroffen wurden, die reformierte Lehre angenommen hatten. Konnte sie dies nicht zufriedenstellen? Wie vielen Gefahren würde man durch eine Unterwerfung ausweichen! Doch auf welch unbekannte Wagnisse und Kämpfe würde der Widerstand sie treiben! Wer weiß, ob sich in Zukunft je wieder solch eine Gelegenheit bieten würde! Lasset uns den Frieden annehmen; lasset uns den Ölzweig ergreifen, den Rom uns entgegenhält, und die Wunden Deutschlands schließen. Mit derartigen Beweisgründen hätten die Reformatoren sich bei der Annahme eines Weges, der unvermeidlich bald darauf den Umsturz ihrer Sache herbeigeführt haben würde, rechtfertigen können. {GK 199.4}

Glücklicherweise erkannten sie den Grundsatz, auf dem diese Anordnung beruhte, und handelten im Glauben. Was war das für ein Grundsatz? — Es war das Recht Roms, das Gewissen zu zwingen und eine freie Untersuchung zu untersagen. Sollten aber sie selbst und ihre protestantischen Untertanen sich nicht der Religionsfreiheit erfreuen? — Ja, als eine Gunst, die in der Anordnung besonders vorgesehen war, nicht aber als ein Recht. In allem, was in diesem Abkommen nicht einbegriffen war, sollte der herrschende Grundsatz der Autorität maßgebend sein; das Gewissen wurde nicht berücksichtigt; Rom war der unfehlbare Richter, und ihm muß man gehorchen. Die Annahme der vorgeschlagenen Vereinbarung wäre ein tatsächliches Zugeständnis gewesen, daß die Religionsfreiheit (Siehe Anm. 032) auf das protestantische Sachsen beschränkt werden müßte; was aber die übrige Christenheit angehe, so seien freie Untersuchung und das Bekenntnis des reformierten Glaubens Verbrechen, die mit Kerker und Scheiterhaufen zu ahnden wären. Dürften sie der örtlichen Beschränkung der Religionsfreiheit zustimmen, daß man verkündige, die Reformation habe ihren letzten Anhänger gewonnen, ihren letzten Fußbreit erobert? Und sollte dort, wo Rom zu dieser Stunde sein Zepter schwang, seine Herrschaft ständig aufgerichtet bleiben? Könnten die Reformatoren sich unschuldig fühlen an dem Blut jener Hunderte und Tausende, die in Erfüllung dieser Anordnung ihr Leben in päpstlichen Ländern opfern müßten? Dies hieße, in jener so verhängnisvollen Stunde die Sache des Evangeliums und die Freiheit der Christenheit zu verraten.“ „Lieber wollten sie … ihre Länder, ihre Kronen, ihr Leben opfern.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.){GK 200.1}

„Wir verwerfen diesen Beschluß“, sagten die Fürsten. „In Gewissensangelegenheiten hat die Mehrheit keine Macht.“ Die Abgesandten erklärten: „Das Dekret von 1526 hat den Frieden im Reich gestiftet; hebt man es auf, so heißt das, Deutschland in Hader und Zank zu stürzen. Der Reichstag hat keine weitere Befugnis als die Aufrechterhaltung der Glaubensfreiheit bis zu einem Konzil.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) Die Gewissensfreiheit zu schützen, ist die Pflicht des Staates, und dies ist die Grenze seiner Machtbefugnis in religiösen Dingen. Jede weltliche Regierung, die versucht, mit Hilfe der Staatsgewalt religiöse Gebräuche zu regeln oder durchzusetzen, opfert gerade den Grundsatz, für den die evangelischen Christen in so edler Weise kämpften. {GK 201.1}

Die Päpstlichen beschlossen, das, was sie „frechen Trotz“ nannten, zu unterdrücken. Sie versuchten die Anhänger der Reformation zu spalten, und alle, die sich nicht offen für sie erklärt hatten, einzuschüchtern. Die Vertreter der freien Reichsstädte wurden schließlich vor den Reichstag geladen und aufgefordert, zu sagen, ob sie auf die Bedingungen jenes Vorschlages eingehen wollten. Sie baten um Bedenkzeit, aber vergebens. Als sie auf die Probe gestellt wurden, schloß sich fast die Hälfte von ihnen den Reformatoren an. Die sich auf diese Weise weigerten, die Gewissensfreiheit und das Recht des persönlichen Urteils zu opfern, wußten wohl, daß ihre Stellung sie künftigem Tadel, Verurteilung und Verfolgung aussetzen würde. Einer der Abgeordneten bemerkte: „Das ist die erste Probe … bald kommt die zweite: das Wort Gottes widerrufen oder brennen.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) {GK 201.2}

König Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand I., Gemälde von Hans Bocksberger, 16.Jh.

König Ferdinand, der Stellvertreter des Kaisers auf dem Reichstag, sah, daß das Dekret ernstliche Spaltungen hervorriefe, falls die Fürsten nicht veranlaßt würden, es anzunehmen und zu unterstützen. Er versuchte es deshalb mit der Überredungskunst, wohl wissend, daß Gewaltanwendung solche Männer nur noch entschiedener machen würde. Er „bat die Fürsten um Annahme des Dekrets, für welchen Schritt der Kaiser ihnen großen Dank wissen würde“. (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) Aber diese treuen Männer erkannten eine Autorität an, welche die irdischer Herrscher überstieg, und sie antworteten: „Wir gehorchen dem Kaiser in allem, was zur Erhaltung des Friedens und zur Ehre Gottes dienen kann.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51ff.) {GK 201.3}

In Gegenwart des Reichstages kündigte der König dem Kurfürsten und seinen Freunden schließlich an, daß die Entschließung bald als kaiserliches Dekret abgefaßt werden sollte und sie sich der Mehrheit unterwerfen müßten. Als er dies gesagt hatte, zog er sich aus der Versammlung zurück und gab den Protestanten keine Gelegenheit zur Beratung oder zur Erwiderung. Diese schickten eine Abordnung an den König und baten ihn, zurückzukommen. Umsonst! Auf ihre Vorstellungen antwortete er nur: „Die Artikel sind beschlossen; man muß sich unterwerfen.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51f.) {GK 202.1}

Die kaiserliche Partei war überzeugt, daß die christlichen Fürsten an der Heiligen Schrift festhalten würden, da sie über menschlichen Lehren und Vorschriften steht; und sie wußten, daß die Annahme dieses Grundsatzes am Ende zum Sturz des Papsttums führen mußte. Aber sie schmeichelten sich wie auch Tausende nach ihnen, indem sie nur „auf das Sichtbare“ schauten, daß die stärkeren Trümpfe beim Kaiser und beim Papst lägen, während die Seite der Reformation nur schwach sei. Hätten sich die Reformatoren einzig auf ihre menschliche Macht verlassen, wären sie so hilflos gewesen, wie die Päpstlichen vermuteten. Obgleich gering an Zahl und uneins mit Rom, waren sie doch stark. „Vielmehr appellierten sie vom Beschluß des Reichstages an Gottes Wort, von Kaiser Karl an Jesus Christus, den König aller Könige, den Herrn aller Herren.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 5.Abschnitt, 51f.)1 {GK 202.2}

Da Ferdinand sich geweigert hatte, ihre Gewissensüberzeugung zu berücksichtigen, beschlossen die Fürsten, ungeachtet seiner Abwesenheit ihren Protest unverzüglich vor die versammelten Stände zu bringen. Eine feierliche Erklärung wurde aufgesetzt und dem Reichstag unterbreitet: „Wir protestieren durch diese Erklärung vor Gott, unserem einigen Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Seligmacher, der einst uns richten wird, und erklären vor allen Menschen und Kreaturen, daß wir für uns und die Unsrigen in keiner Weise dem vorgelegten Dekret beipflichten oder beitreten, und allen den Punkten, welche Gott, seinem heiligen Worte, unserem guten Gewissen, unserer Seligkeit zuwiderlaufen. {GK 202.3}

Wie sollten wir das Edikt billigen können und dadurch erklären, daß, wenn der allmächtige Gott einen Menschen zu seiner Erkenntnis beruft, dieser Mensch nicht die Freiheit hat, diese Erkenntnis anzunehmen! … Da nur die Lehre, welche Gottes Wort gemäß ist, gewiß genannt werden kann, da der Herr eine andere zu lehren verbietet, da jeder Text der Heiligen Schrift durch deutlichere Stellen derselben ausgelegt werden soll, da dieses heilige Buch in allem, was dem Christen not tut, leicht verständlich ist und das Dunkel zu zerstreuen vermag: so sind wir mit Gottes Gnade entschlossen, allein die Predigt des göttlichen Wortes, wie es in den biblischen Büchern des Alten und Neuen Testaments enthalten ist, lauter und rein, und nichts, was dawider ist, aufrechtzuerhalten. Dieses Wort ist die einige Wahrheit, die alleinige Richtschnur aller Lehre und alles Lebens und kann nicht fehlen noch trügen. Wer auf diesen Grund baut, besteht gegen alle Mächte der Hölle; alle Menschentorheit, die sich dawiderlegt, verfällt vor Gottes Angesicht … {GK 203.1}

Deshalb verwerfen wir das Joch, das man uns auflegt … Wir hoffen, Ihre Kaiserliche Majestät werde als ein christlicher Fürst, der Gott vor allen Dingen liebt, in unserer Sache verfahren, und erklären uns bereit, ihm, wie euch, gnädige Herren, alle Liebe und allen Gehorsam zu erzeigen, welches unsere gerechte und gesetzliche Pflicht ist.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) {GK 203.2}

Diese Protestation machte auf den Reichstag tiefen Eindruck. Die Mehrheit wurde ob der Kühnheit der Protestierenden mit Erstaunen und Bestürzung erfüllt. Die Zukunft stellte sich ihnen stürmisch und ungewiß vor. Uneinigkeit, Streit und Blutvergießen schienen unvermeidlich. Die Protestanten aber, von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt und sich auf den Arm des Allmächtigen verlassend, „blieben fest und mutig“. (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) {GK 203.3}

„Die in dieser berühmten Protestation … ausgesprochenen Grundsätze sind der wesentliche Inhalt des Protestantismus. Die Protestation tritt gegen zwei menschliche Mißbräuche in Glaubenssachen auf: gegen die Einmischung der weltlichen Macht und gegen die Willkür des Klerus. Sie setzt an die Stelle der weltlichen Behörde die Macht des Gewissens, und an die Stelle des Klerus die Autorität des Wortes Gottes. Der Protestantismus erkennt die weltliche Gewalt in göttlichen Dingen nicht an und sagt, wie die Apostel und die Propheten: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Ohne Karls V. Krone anzutasten, hält er die Krone Jesu Christi aufrecht, und noch weitergehend stellt er den Satz auf, daß alle Menschenlehre den Aussprüchen Gottes untergeordnet sein soll.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) Die Protestierenden hatten ferner ihr Recht geltend gemacht, ihre religiöse Überzeugung frei aussprechen zu können. Sie wollten nicht nur glauben und befolgen, was das Wort Gottes ihnen nahebrachte, sondern es auch lehren, und sie stellten das Recht der Priester oder Behörden in Abrede, sich hierbei einzumischen. Der Protest zu Speyer war ein feierliches Zeugnis gegen religiöse Unduldsamkeit und eine Behauptung des Rechtes aller Menschen, Gott nach ihrem eigenen Gewissen anzubeten. {GK 203.4}

Die Erklärung war abgegeben. Sie war Tausenden ins Gedächtnis geschrieben und in die Bücher des Himmels eingetragen worden, wo keine menschliche Anstrengung sie auslöschen konnte. Das ganze evangelische Deutschland nahm den Protest als Ausdruck seines Glaubens an. Überall erblickten die Menschen in dieser Erklärung den Anfang einer neuen und besseren Zeit. Einer der Fürsten sagte den Protestanten in Speyer: „Der allmächtige Gott, der euch die Gnade verliehen, ihn kräftig, frei und furchtlos zu bekennen, bewahre euch in dieser christlichen Standhaftigkeit bis zum Tage des Gerichts!“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) {GK 204.1}

Hätte die Reformation nach einem erfolgreichen Anfang eingewilligt, sich den Zeitumständen anzupassen, um sich die Gunst der Welt zu erwerben, so wäre sie Gott und sich selbst untreu geworden und hätte auf diese Weise selbst ihren Untergang bewirkt. Die Erfahrung jener prächtigen Reformatoren enthält eine Lehre für alle späteren Zeiten. Satans Art und Weise, gegen Gott und sein Wort zu wirken, hat sich nicht verändert; er stellt sich noch immer ebenso sehr dagegen, die Heilige Schrift zum Führer des Lebens zu machen, wie im 16.Jahrhundert. Heutzutage weicht man stark von ihren Lehren und Geboten ab, und eine Rückkehr zu dem protestantischen Grundsatz, die Bibel und nur die Bibel als Richtschnur des Glaubens und der Pflicht zu betrachten, ist notwendig. Satan wirkt noch immer mit allen Mitteln, über die er verfügt, um die religiöse Freiheit zu unterdrücken. Die Macht, die die protestierenden Fürsten in Speyer verwarfen, suchte nun mit erneuerter Kraft die verlorene Oberherrschaft wiederzugewinnen. Das gleiche unwandelbare Festhalten am Worte Gottes, das sich in jener Entscheidungsstunde der Reformation bekundete, ist die einzige Hoffnung für eine Reform der Gegenwart. {GK 204.2}

Philipp Melanchthon (1497-1560), Gemälde von Lukas Cranach d.Ä. 1543

Die Protestanten erkannten Anzeichen der Gefahr. Es gab aber auch Anzeichen, daß die göttliche Hand ausgestreckt war, um die Getreuen zu beschützen. „Kurz vorher hatte Melanchthon seinen Freund Simon Grynäus rasch durch die Stadt an den Rhein geführt mit der Bitte, sich übersetzen zu lassen. Als dieser über das hastige Drängen erstaunt war, erzählte ihm Melanchthon: Eine ernste, würdige Greisengestalt, die er nicht gekannt, sei ihm entgegengetreten mit der Nachricht, Ferdinand habe Häscher abgeschickt, um den Grynäus zu verhaften.“(D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) {GK 205.1}

Am Tage hatte sich Grynäus über eine Predigt Fabers, eines führenden katholischen Gelehrten, entrüstet; nach der Predigt machte er ihm Vorhaltungen darüber und bat ihn, „die Wahrheit nicht länger zu bekämpfen. Faber hatte seinen Zorn nicht merken lassen, sich aber gleich zum König begeben und von diesem einen Haftbefehl gegen den unbequemen Heidelberger Professor erwirkt. Melanchthon glaubte fest, Gott habe einen Engel vom Himmel gesandt, um seinen Freund zu retten; er blieb am Rhein stehen, bis der Fluß zwischen ihm und seinen Verfolgern war, und als er ihn am entgegengesetzten Ufer angekommen sah, rief er: ‚Endlich ist er denen entrissen, welche nach dem Blute der Unschuldigen dürsten!‘ Nachher erfuhr Melanchthon, daß man unterdessen nach Grynäus in dessen Wohnung gesucht hatte.“ (D‘Aubigné, ebd., 13.Buch, 6.Abschnitt) {GK 205.2}

Die Reformation sollte vor den Gewaltigen dieser Erde zu noch größerer Bedeutung gelangen. Den evangelischen Fürsten war von König Ferdinand versagt worden, gehört zu werden; aber es sollte ihnen Gelegenheit geboten werden, ihre Sache in Gegenwart des Kaisers und der Würdenträger des Staates und der Kirche vorzutragen. Um den Zwiespalt beizulegen, der das Reich beunruhigte, rief Karl V. im folgenden Jahr nach dem Protest von Speyer den Reichstag nach Augsburg zusammen und gab bekannt, daß er die Absicht habe, persönlich den Vorsitz zu führen. Dorthin wurden die Führer der Protestanten geladen. {GK 205.3}
Angesichts der drohenden Gefahren stellten die Fürsprecher der Reformation ihre Sache Gott anheim und gelobten, am Evangelium festzuhalten. Der Kurfürst von Sachsen wurde von seinen Räten gedrängt, nicht auf dem Reichstag zu erscheinen; denn der Kaiser verlange nur die Anwesenheit der Fürsten, um sie in eine Falle zu locken. Es sei „ein Wagnis, sich mit einem so mächtigen Feinde in dieselben Mauern einzuschließen.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 2.Abschnitt, 110
) Doch andere erklärten hochherzig, „die Fürsten sollten Mut haben, und Gottes Sache werde gerettet.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 2.Abschnitt, 110) Luther sagte: „Gott ist treu — und wird uns nicht lassen.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 2.Abschnitt, 110) Der Kurfürst und sein Gefolge begaben sich nach Augsburg. Alle kannten die Gefahren, die ihm drohten, und viele gingen mit düsteren Blicken und beunruhigten Herzen einher. Doch Luther, der sie bis Coburg begleitete, ließ ihren sinkenden Glauben wieder aufleben, indem er ihnen das Lied: „Ein feste Burg ist unser Gott“ vorsang. Manche bange Ahnung wurde verscheucht, manches schwere Herz fühlte unter den Klängen dieses begeisternden Liedes den auf ihm lastenden Druck weichen. {GK 206.1}

Die reformierten Fürsten hatten beschlossen, eine Darlegung ihrer Auffassungen in systematischer Zuammenstellung mit Beweisstellen aus der Heiligen Schrift auszuarbeiten, um sie dem Reichstag vorzulegen; die Aufgabe dieser Bearbeitung wurde Luther und Melanchthon sowie ihren Gefährten übertragen. Das auf diese Weise zum Ausdruck gebrachte Bekenntnis wurde von den Protestanten als eine Erklärung ihres Glaubens angenommen, und sie versammelten sich, um dem wichtigen Schriftstück ihre Unterschriften beizufügen. Es war eine ernste Zeit der Prüfung. Die Reformatoren waren ängstlich darauf bedacht, daß ihre Sache nicht mit politischen Fragen verwechselt werde; sie fühlten, die Reformation sollte keinen andern Einfluß ausüben als den, der vom Wort Gottes bestimmt wird. Als die christlichen Fürsten die Konfession unterzeichnen wollten, trat Melanchthon dazwischen und sprach: „Die Theologen, die Diener Gottes, müssen das vorlegen, und das Gewicht der großen der Erde muß man für andere Dinge aufsparen.“ — „Gott gebe“, antwortete Johann von Sachsen, „daß ihr mich nicht ausschließet, ich will tun, was recht ist, unbekümmert um meine Krone; ich will den Herrn bekennen. Das Kreuz Jesu Christi ist mehr wert als mein Kurhut und mein Hermelin.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 6.Abschnitt S. 147f.) Als er dies gesagt, schrieb er seinen Namen nieder. Ein anderer Fürst sprach, als er die Feder ergriff: „Wo es die Ehre meines Herrn Jesu Christi gilt, bin ich bereit, Gut und Leben aufzugeben … Ehe ich eine andere Lehre als die, welche in der Konfession enthalten ist, annehme, will ich lieber Land und Leute aufgeben, und mit dem Stabe in der Hand aus meiner Väter Heimat auswandern.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 6.Abschnitt S. 147f.) In dieser Weise bekundete sich der Glaube und die Unerschrockenheit dieser Gottesmänner. {GK 206.2}

Kaiser Karl V., 1548, früher Tizian zugeschrieben

Es kam die Zeit, da sie vor dem Kaiser zu erscheinen hatten. Karl V., auf seinem Thron sitzend, umgeben von den Kurfürsten und Fürsten des Reiches, schenkte den protestantischen Reformatoren Gehör. Das Bekenntnis ihres Glaubens wurde verlesen. In jener erlauchten Versammlung wurden die Wahrheiten des Evangeliums klar dargelegt und die Irrtümer der päpstlichen Kirche bloßgestellt. Mit Recht ist jener Tag als der größte der Reformation, als einer der schönsten in der Geschichte des Christentums und der Menschheit bezeichnet worden. (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 7.Abschnitt, 156f.) {GK 207.1}

Nur wenige Jahre waren vergangen, seit der Mönch von Wittenberg in Worms allein vor dem Reichstag Jesus Christus bekannt hatte. Nun standen an seiner Stelle die edelsten und mächtigsten Fürsten des Reiches vor dem Kaiser. Es war Luther untersagt worden, in Augsburg zu erscheinen; doch mit seinen Worten und Gebeten war er dabei. „Ich bin über alle Maßen froh“, schrieb er, „daß ich bis zu der Stunde gelebt habe, in welcher Christus durch solche Bekenner vor solcher Versammlung in einem herrlichen Bekenntnisse verkündigt worden ist.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 7.Abschnitt, 156f.) Auf diese Weise erfüllte sich, was die Schrift sagt: „Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen!“ Psalm 119,46. {GK 207.2}

In den Tagen des Paulus war das Evangelium, um deswillen er sich in Gefangenschaft befand, in der gleichen Weise vor die Fürsten und Edlen der kaiserlichen Stadt gebracht worden. Auch bei diesem Anlaß hier wurde das, was der Kaiser von der Kanzel zu predigen untersagt hatte, im Palast verkündigt; was viele sogar für die Dienerschaft als unpassend angesehen hatten, wurde nun von den Herrschern und Herren des Reiches mit Verwunderung vernommen. Könige und große Männer waren die Zuhörer, gekrönte Fürsten die Prediger, und die Predigt enthielt die Wahrheit Gottes. Ein Zeitgenosse, Mathesius, sagte, seit den Zeiten der Apostel hätte es kein größer und höher Werk gegeben. {GK 207.3}

„Was die Lutheraner vorgelesen haben, ist wahr, es ist die reine Wahrheit, wir können es nicht leugnen“, erklärte ein päpstlicher Bischof. „Könnet ihr das von Kurfürsten abgefaßte Bekenntnis mit guten Gründen widerlegen?“ fragte ein anderer Dr. Eck. „Nicht mit den Schriften der Apostel und Propheten“, antwortete Dr. Eck, „aber wohl mit denen der Väter und Konzilien.“ — „Also sind die Lutheraner“, entgegnete der Fragende, „in der Schrift, und wir daneben.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 8.Abschnitt, 167) Einige der deutschen Fürsten waren für den reformierten Glauben gewonnen worden. Der Kaiser selbst erklärte, die protestantischen Artikel seien die reine Wahrheit. Das Bekenntnis wurde in viele Sprachen übersetzt und in ganz Europa verbreitet, und es ist von Millionen Menschen der folgenden Geschlechter als Bekundung ihres Glaubens angenommen worden. {GK 208.1}

Gottes treue Diener arbeiteten nicht allein. Während sie es „mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Epheser 6,12), die sich gegen sie verbanden, zu tun hatten, verließ der Herr sein Volk nicht. Wären die Augen der Kinder Gottes geöffnet gewesen, hätten sie ebenso deutliche Beweise der Gegenwart und Hilfe Gottes erkannt, wie sie einst den Propheten gewährt worden waren. Als Elisas Diener seinen Meister auf das sie umgebende feindliche Heer aufmerksam machte, das jede Gelegenheit zum Entrinnen nahm, betete der Prophet: „Herr, öffne ihm die Augen, daß er sehe!“ 2.Könige 6,17. Und siehe, der Berg war voll Kriegswagen und feuriger Rosse, das Heer des Himmels stand bereit, den Mann Gottes zu beschützen. So bewachten Engel auch die Mitarbeiter der Reformationsbewegung. {GK 208.2}

Einer der von Luther am entschiedensten vertretenen Grundsätze sprach sich gegen eine Unterstützung der Reformation durch weltliche Gewalt aus. Es sollte keine Forderung an ihre Waffen gestellt werden, um sie zu verteidigen. Er freute sich, daß sich Fürsten des Reiches zum Evangelium bekannt hatten; doch als sie vorschlugen, sich zu einem Verteidigungsbund zusammenzuschließen, „wollte Luther die evangelische Lehre nur von Gott allein verteidigt wissen, je weniger sich die Menschen darein mischten, desto herrlicher werde sich Gottes Dazwischenkunft offenbaren. Alle Umtriebe, wie die beabsichtigten, deuteten ihm auf feige Ängstlichkeit und sündhaftes Mißtrauen“. (D‘Aubigné, ebd., 10.Buch, 14.Abschnitt, 187f.) {GK 208.3}

Als sich mächtige Feinde vereinten, um den reformierten Glauben zu Fall zu bringen, und sich Tausende von Schwertern gegen ihn zu erheben schienen, schrieb Luther: „Satan läßt seine Wut aus, gottlose Pfaffen verschwören sich, man bedroht uns mit Krieg. Ermahne das Volk weiterzukämpfen vor Gottes Thron mit Glauben und Gebet, so daß unsere Feinde, vom Geiste Gottes besiegt, zum Frieden gezwungen werden. Das erste, was not tut, die erste Arbeit, ist das Gebet. Angesichts der Schwerter und der Wut Satans hat das Volk nur eins zu tun: es muß beten.“ (D‘Aubigné, ebd., 10.Buch, 14.Abschnitt, 187f.) {GK 209.1}

Martin Luther, Gemälde von Lukas Cranach d.Ä.

Bei einem späteren Anlaß erklärte Luther, sich wiederum auf den von den protestantischen Fürsten beabsichtigten Bund beziehend, daß die einzige in diesem Streit anzuwendende Waffe „das Schwert des Geistes“ sei. Er schrieb an den Kurfürsten von Sachsen: „Wir mögen in unserem Gewissen solch Verbündnis nicht billigen. Wir möchten lieber zehnmal tot sein, denn solche Genossen haben, daß unser Evangelium sollte Ursach gewesen sein einiges Bluts. Wir sollen wie die Schlachtschafe gerechnet sein. Es muß ja Christi Kreuz getragen sein. Euer Kurfürstliche Gnaden seien getrost und unerschrocken, wir wollen mit Beten mehr ausrichten, denn sie mit all ihrem Trotzen. Allein daß wir unsere Hände rein von Blut behalten, und wo der Kaiser mich und die anderen forderte, so wollen wir erscheinen. Euer Kurfürstliche Gnaden soll weder meinen noch eines anderen Glauben verteidigen, sondern ein jeder soll auf sein eigen Fahr glauben.“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 1.Abschnitt, 104) {GK 209.2}

Aus dem Gebetskämmerlein kam die Macht, die bei dieser großen Reformation die Welt erschütterte. Dort setzten die Diener Gottes in heiliger Stille ihre Füße auf den Felsen seiner Verheißungen. Während des Streites in Augsburg verfehlte Luther nicht, täglich „drei Stunden dem Gebet zu widmen; und zwar zu einer Zeit, die dem Studium am günstigsten gewesen wäre“. (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 6.Abschnitt, 152f.) In der Zurückgezogenheit seines Kämmerleins schüttete er sein Herz vor Gott aus „mit solchem Glauben und Vertrauen … als ob er mit seinem Freund und Vater rede. ‚Ich weiß‘, sagte der Reformator, ‚daß du unser Vater und unser Gott bist, daß du die Verfolger deiner Kinder zerstreuen wirst, denn du selbst bist mit uns in der Gefahr. Diese ganze Sache ist dein, nur weil du sie gewollt hast, haben wir sie unternommen. Schütze du uns, o Herr!‘“. (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 6.Abschnitt, 152f.) {GK 209.3}

An Melanchthon, der von der Last der Angst und Sorge niedergedrückt war, schrieb er: „Gnade und Friede in Christo! in Christo, sage ich, nicht in der Welt. Amen! Ich hasse deine Besorgnisse, die dich, wie du schreibst, verzehren, gewaltig. Wenn die Sache falsch ist, so wollen wir widerrufen; wenn sie gerecht ist, weshalb machen wir den, welcher uns ruhig schlafen heißt, bei so vielen Verheißungen zum Lügner? … Christus entzieht sich nicht der Sache der Gerechtigkeit und Wahrheit; er lebt und regiert, und welche Angst können wir noch haben?“ (D‘Aubigné, ebd., 14.Buch, 6.Abschnitt, 152f.) {GK 210.1}

Gott hörte das Flehen seiner Diener. Er gab den Fürsten und Predigern Gnade und Mut, gegenüber den Herrschern der Finsternis dieser Welt die Wahrheit zu behaupten. Der Herr spricht: „Siehe da, ich lege einen auserwählten, köstlichen Eckstein in Zion; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden.“ 1.Petrus 2,6. Die protestantischen Reformatoren hatten auf Christus gebaut, und die Pforten der Hölle konnten sie nicht überwältigen. {GK 210.2}

aus „Der Große Kampf“, von Ellen G. White, S.197-210, Saatkornverlag Hamburg, 1973; Herausgeber der hier verwendeten digitalen Ausführung: Ellen G. White Estate, Inc., www.egwwritings.org; weiterlesen bei https://www.egwwritings.org/

Der Reichstag zu Worms

Ein neuer Kaiser, Karl V., hatte den deutschen Thron bestiegen, und die römischen Legaten beeilten sich, um ihre Glückwünsche darzubringen und den Monarchen zu bewegen, seine Macht gegen die Reformation einzusetzen. Auf der andern Seite ersuchte ihn der Kurfürst von Sachsen, dem der Kaiser zum großen Teil seine Krone verdankte, keine Schritte gegen Luther zu unternehmen, bevor er ihn gehört hätte. Der Kaiser sah sich auf diese Weise in eine sehr schwierige Lage versetzt. Die Römlinge würden mit nichts Geringerem als einem kaiserlichen Erlaß zufrieden sein, der Luther zum Tode verurteilte. Der Kurfürst hatte nachdrücklich erklärt, weder Seine Kaiserliche Majestät noch sonst jemand hätte nachgewiesen, daß Luthers Schriften widerlegt seien, er verlange deshalb, daß Luther unter sicherem Geleit vor gelehrten, frommen und unparteiischen Richtern erscheine. (Köstlin, „Martin Luther“, Bd. I 367,384) {GK 145.1}

Kaiser Karl V., Gemälde von Bernhard von Orley, 1519-1520

Kaiser Karl V., Gemälde von Bernhard von Orley, 1519-1520

Die Aufmerksamkeit aller Parteien richtete sich nun auf die Versammlung der deutschen Länder, die kurz nach Karls Thronbesteigung in Worms tagte. Wichtige politische Fragen und Belange sollten auf diesem Reichstag erörtert werden; zum erstenmal sollten die deutschen Fürsten ihrem jugendlichen Monarchen auf einer Ratsversammlung begegnen. Aus allen deutschen Landen hatten sich die Würdenträger der Kirche und des Reiches eingefunden. Der weltliche Adel, gewaltig und eifersüchtig auf seine Erbrechte bedacht; Kirchenfürsten, stolz in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit an Rang und Macht; höfische Ritter und ihr bewaffnetes Gefolge; Gesandte aus fremden und fernen Ländern — alle versammelten sich in Worms. Und auf dieser großartigen Versammlung erregte die Sache des sächsischen Reformators die größte Aufmerksamkeit. {GK 145.2}

Karl hatte zuvor den Kurfürsten angewiesen, Luther mit auf den Reichstag zu bringen; er hatte ihn seines Schutzes versichert und ihm eine freie Erörterung mit maßgebenden Personen zugesagt, um die strittigen Punkte zu besprechen. Luther sah seinem Erscheinen vor dem Kaiser mit Spannung entgegen. Seine Gesundheit hatte zu jener Zeit sehr gelitten; doch schrieb er an den Kurfürsten: „Ich werde, wenn man mich ruft, kommen, so weit an mir liegt, ob ich mich auch krank müßte hinfahren lassen, denn man darf nicht zweifeln, daß ich von dem Herrn gerufen werde, wenn der Kaiser mich ruft. Greifen sie zur Gewalt, wie es wahrscheinlich ist — denn dazu, um belehrt zu werden, lassen sie mich nicht rufen —, so muß man dem Herrn die Sache befehlen; dennoch lebt und regiert derselbige, der die drei Knaben im Feuerofen des Königs von Babylon erhalten hat. Will er mich nicht erhalten, so ist‘s um meinen Kopf eine geringe Sache … man muß nur dafür sorgen, daß wir das Evangelium, das wir begonnen, den Gottlosen nicht zum Spott werden lassen … Wir wollen lieber unser Blut dafür vergießen. Wir können nicht wissen, ob durch unser Leben oder unsern Tod dem allgemeinen Wohle mehr genützt werde … Nimm von mir alles, nur nicht, daß ich fliehe oder widerrufe: Fliehen will ich nicht, widerrufen noch viel weniger.“ (Enders, Bd. III 24, 21.12.1520) {GK 146.1}

Als sich in Worms die Nachricht verbreitete, daß Luther vor dem Reichstag erscheinen sollte, rief sie allgemeine Aufregung hervor. Der päpstliche Gesandte, Aleander, dem der Fall besonders anvertraut worden war, geriet in Unruhe und Wut. Er sah, daß die Folgen für die päpstliche Sache unheilvoll werden würden. Eine Untersuchung anzustellen in einem Fall, in dem der Papst bereits das Verdammungsurteil ausgesprochen hatte, hieße die Autorität des unumschränkten Priesterfürsten geringzuschätzen. Er befürchtete auch, daß die beredten und eindringlichen Beweisführungen dieses Mannes viele Fürsten von der Sache des Papstes abspenstig machen könnten. Er erhob deshalb vor Kaiser Karl in dringlicher Weise Einwendungen gegen das Erscheinen Luthers vor dem Reichstag. Ungefähr um diese Zeit wurde die Bulle, welche Luthers Exkommunikation erklärte, veröffentlicht. Diese Tatsache sowie die Vorstellungen des Legaten veranlaßten den Kaiser nachzugeben. Er schrieb dem Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, daß der Martinus Luther in Wittenberg bleiben müsse, wenn er nicht widerrufen wolle. {GK 146.2}

Nicht zufrieden mit diesem Sieg, wirkte Aleander mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht und Schlauheit darauf hin, Luthers Verurteilung zu erreichen. Mit einer Beharrlichkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, lenkte er die Aufmerksamkeit der Fürsten, Prälaten und anderer Mitglieder der Versammlung auf Luther, indem er den Reformator des Aufstandes, der Empörung, der Gottlosigkeit und Gotteslästerung beschuldigte. Aber die Heftigkeit und Leidenschaft, die der Legat an den Tag legte, zeigten nur zu deutlich, wessen Geist ihn antrieb. Man fühlte allgemein, „es sei mehr Neid und Rachelust als Eifer der Frömmigkeit, die ihn aufreizten“. (Cochlaeus, „Commentaria de actis et scriptis Lutheri“ 54f., Köln, 1568) Die Mehrzahl der Reichsstände war geneigter denn je, Luthers Sache günstig zu beurteilen. {GK 147.1}

Mit doppeltem Eifer drang Aleander in den Kaiser, daß es seine Pflicht sei, die päpstlichen Erlasse auszuführen. Das konnte jedoch unter den bestehenden deutschen Gesetzen nicht ohne die Zustimmung der Fürsten geschehen. Schließlich gestattete Karl dem Legaten, seine Sache vor den Reichstag zu bringen. „Es war ein großer Tag für den Nuntius. Die Versammlung war groß, noch größer war die Sache. Aleander sollte für Rom, die Mutter und Herrin aller Kirchen, das Wort führen.“ Er sollte vor den versammelten Machthabern der Christenheit das Fürstentum Petri rechtfertigen. „Er hatte die Gabe der Beredsamkeit und zeigte sich der Erhabenheit des Anlasses gewachsen. Die Vorsehung wollte es, daß Rom vor dem erlauchtesten Tribunal erscheinen und seine Sache durch den begabtesten seiner Redner vertreten werden sollte, ehe es verdammt würde.“ (Wylie, „History of Protestantism“, 6.Buch, Kapitel 4) Mit Besorgnis sahen die Gönner des Reformators der Wirkung der Rede Aleanders entgegen. Der Kurfürst von Sachsen war nicht zugegen, doch wohnten nach seiner Bestimmung etliche seiner Räte bei, um die Rede des Nuntius berichten zu können. {GK 147.2}

Hieronymous Aleander, Kupferstich

Hieronymous Aleander, Kupferstich, 1536

Aleander bot alle Gelehrsamkeit und Redekunst auf, um die Wahrheit zu stürzen. Beschuldigung auf Beschuldigung schleuderte er gegen Luther, den er einen Feind der Kirche und des Staates, der Lebenden und der Toten, der Geistlichkeit und der Laien, der Konzilien und der einzelnen Christen nannte. Er sagte, in Luthers Schriften seien so viele Irrtümer, daß hunderttausend Ketzer ihrethalben verbrannt werden könnten. {GK 147.3}

Zum Schluß versuchte er, die Anhänger der Reformation verächtlich zu machen. „Wieviel zahlreicher, gelehrter und an jenen Gaben, die im Wettstreit den Ausschlag geben, überlegener ist doch die katholische Partei! Die berühmtesten Universitäten haben Luther verurteilt. Wer dagegen sind diese Lutheraner? Ein Haufe unverschämter Universitätslehrer, verderbter Priester, unordentlicher Mönche, unwissender Advokaten, herabgekommener Adliger und verführten Pöbels. Ein einstimmiger Beschluß dieser erlauchten Versammlung wird die Einfältigen belehren, die Unklugen warnen, die Schwankenden festigen und die Schwachen stärken.“ (D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 7.Buch, Kapitel 3) {GK 148.1}

Mit solchen Waffen sind die Verteidiger der Wahrheit zu jeder Zeit angegriffen worden. Die gleichen Beweise werden noch immer gegen alle vorgebracht, die es wagen, den eingebürgerten Irrtümern die klaren und deutlichen Lehren des Wortes Gottes gegenüberzustellen. Wer sind diese Prediger neuer Lehren? rufen die aus, welche eine volkstümliche Religion begehren. Es sind Ungebildete, gering an Zahl und aus den ärmeren Stande; doch behaupten sie, die Wahrheit zu haben und das auserwählte Volk Gottes zu sein. Sie sind unwissend und betrogen. Wie hoch steht unsere Kirche an Zahl und Einfluß über ihnen! Wie viele Gelehrte und große Männer sind in unseren Reihen, wieviel mehr Macht auf unserer Seite! — Dies sind Beweise, die einen entscheidenden Einfluß auf die Welt haben, die heute genauso verfangen wie in den Tagen des Reformators. {GK 148.2}

Die Reformation endete nicht mit Luther, wie viele annehmen; sie muß bis zum Ende der Geschichte dieser Welt fortgesetzt werden. Luthers großes Werk bestand darin, das Licht, das Gott ihm scheinen ließ, auf andere geworfen zu haben; doch er hatte nicht alles Licht empfangen, das der Welt scheinen sollte. Von jener Zeit an bis in die Gegenwart haben fortwährend neue Erkenntnisse die Heilige Schrift erhellt, und seither sind ständig neue göttliche Wahrheiten enthüllt worden. {GK 148.3}

Die Ansprache des Legaten machte auf die Großen des Reiches tiefen Eindruck. (Hefele, „Konziliengeschichte“, Bd. IX 202) Kein Luther war da, um den päpstlichen Vertreter durch die klaren und überzeugenden Wahrheiten des Wortes Gottes entgegenzutreten. Kein Versuch wurde gemacht, den Reformator zu verteidigen. Man war allgemein geneigt, nicht nur ihn und seine Lehren zu verdammen, sondern wenn möglich auch alle Ketzerei auszurotten. {GK 149.1}

Rom hatte die günstigste Gelegenheit gehabt, seine Sache zu verteidigen. Alles, was es zu seiner Rechtfertigung sagen konnte, war gesagt worden. Aber der scheinbare Sieg trug die Zeichen der Niederlage. Künftighin würde der Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum deutlicher erkannt werden, da beide sich im offenem Kampf messen sollten. Von jenem Tage an sollte Rom nie mehr so sicher stehen, wie es bis dahin gestanden hatte. {GK 149.2}

Georg von Sachsen, "Georg der Bärtige", Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., zwischen 1534-1439

Georg von Sachsen, „Georg der Bärtige“, Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., zwischen 1534-1439

Während die meisten Mitglieder des Reichstages Luther der Rache Roms übergeben wollten, sahen und beklagten viele die in der Kirche herrschende Verderblichkeit und wünschten die Beseitigung der Mißbräuche, die das deutsche Volk infolge der Verkommenheit und der Gewinnsucht der Priesterherrschaft dulden mußte. Der Legat hatte Roms Herrschaft im günstigsten Licht dargestellt. Nun bewog der Herr ein Mitglied des Reichstages, die Wirkung der päpstlichen Gewaltherrschaft wahrheitsgetreu zu schildern. Mit edler Entschiedenheit erhob sich Herzog Georg von Sachsen in jener fürstlichen Versammlung und beschrieb mit unerbittlicher Genauigkeit die Betrügereien und Greuel des Papsttums und deren schlimme Folgen. Zum Schluß sagte er: {GK 149.3}

„Da ist keine Scham in Herausstreichung und Erhebung des Ablasses, man suchet nur, daß man viel Geld zusammenbringe; also geschieht, daß die Priester, welche die Wahrheit lehren sollten, nichts als Lügen und Betrug den Leuten vorschwatzen. Das duldet man und diesen Leuten lohnet man, weil je mehr Geld in den Kasten kommt, je mehr die Leute beschwatzt werden. Aus diesem verderbten Brunnen fließt ein groß Ärgernis in die Bäche heraus … plagen die Armen mit Bußen ihrer Sünden wegen, verschonen die Reichen, übergehen die Priester … Daher nötig ist eine allgemeine Reformation anzustellen, welche nicht füglicher als in einem allgemeinen Konzil zu erhalten ist; darum bitten wir alle, solches mit höchstem Fleiß zu fördern.“ (Seckendorff, ebd. S. 328-330) {GK 149.4}

Luther selbst hätte die Mißbräuche nicht vortrefflicher und wirksamer geißeln können. Die Tatsache aber, daß der Redner ein entschlossener Feind des Reformators war, verlieh seinen Worten desto mehr Nachdruck. {GK 150.1}

Wären den Versammelten die Augen geöffnet worden, so hätten sie Engel Gottes in ihrer Mitte erblickt, die durch die Finsternis des Irrtums Strahlen des Lichts aussandten und Gemüter und Herzen der Wahrheit öffneten. Selbst die Gegner der Reformation zeigten sich von der Macht des Gottes der Wahrheit und Weisheit beeinflußt, und auf diese Weise wurde der Weg für das große Werk bereitet, das nun vollbracht werden sollte. Martin Luther war nicht anwesend, aber man hatte eine einflußreichere Stimme als die Luthers in jener Versammlung gehört. {GK 150.2}

Sofort wurde vom Reichstag ein Ausschuß bestimmt, um eine Liste der päpstlichen Mißbräuche aufzustellen, die so schwer auf dem deutschen Volk lasteten. Dieses Verzeichnis, das 101 Beschwerden enthielt, wurde dem Kaiser mit dem Gesuch unterbreitet, sofortige Schritte zur Beseitigung dieser Mißbräuche zu unternehmen. „Es gehen so viele Seelen verloren“, sagten die Bittenden, „so viele Räubereien, Bestechungen finden statt, weil das geistliche Oberhaupt der Christenheit sie gestattet. Es muß dem Untergang und der Schande unseres Volkes vorgebeugt werden. Wir bitten euch untertänigst und inständigst, dahin zu wirken, daß eine Besserung und gemeine Reformation geschehe.“ (Kap. „Nachlese reformatorischer Urkunden“, Bd. III. 275) {GK 150.3}

Die Reichsstände drangen auf das Erscheinen Luthers. Ungeachtet aller Bitten, Einwände und Drohungen Aleanders willigte der Kaiser schließlich doch ein, und Luther wurde aufgefordert, vor dem Reichstag zu erscheinen. Mit der Aufforderung wurden ihm die nötigen Geleitsbriefe ausgestellt, die ihm auch seine Rückkehr nach einem sicheren Ort verbürgten. (Der Kurfürst von Sachsen und Herzog Georg von Sachsen sowie auch der Kaiser stellten Geleitsbriefe aus.) Ein Herold, der beauftragt war, ihn sicher nach Worms zu geleiten, brachte die Briefe nach Wittenberg. {GK 150.4}

Luthers Freunde wurden von Schrecken und Bestürzung ergriffen. Sie kannten das Vorurteil und die gegen ihn herrschende Feindschaft und befürchteten, selbst das Sicherheitsgeleit würde nicht beachtet werden, und sein Leben sei gefährdet. Auf ihr Bitten, diese Reise nicht anzutreten, erwiderte er einem, die Römlinge wollten ihn nicht in Worms sehen, doch „ich schreibe auch jetzt und bitte dich, bete nicht für mich, sondern für das Wort Gottes. Jener Widersacher Christi setzt alle Kräfte ein, mich zu verderben. Der Wille Gottes geschehe! Christus wird mir seinen Geist geben, daß ich diese Widersacher verachte im Leben, besiege im Tode … Sie arbeiten, daß ich viele Artikel widerrufe; aber mein Widerruf wird also lauten: Ich habe früher gesagt, der Papst sei der Statthalter Christi, jetzt widerrufe ich und sage, der Papst ist der Widersacher Christi …“ {GK 151.1}

Philipp Melanchthon, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1526

Luther sollte seine gefahrvolle Reise nicht allein unternehmen. Außer dem kaiserlichen Boten hatten sich drei seiner treuesten Freunde entschlossen, ihn zu begleiten. Es verlangte Melanchthon herzlich, sich ihnen anzuschließen. Sein Herz hing an Luther, und er sehnte sich, ihm zu folgen, wenn es sein müsse, auch ins Gefängnis oder in den Tod. Seine Bitte wurde jedoch nicht erfüllt. Sollte Luther etwas zustoßen, so ruhte die Hoffnung der Reformation allein auf seinem jugendlichen Mitarbeiter. {GK 151.2}

Unterwegs nahmen sie wahr, daß die Gemüter des Volkes von düsteren Vorahnungen beschwert waren. In einigen Städten erwies man ihnen keine Achtung. Als sie übernachteten, gab ein freundlich gesinnter Priester seinen Befürchtungen Ausdruck und zeigte Luther das Bild eines italienischen Reformators, der den Scheiterhaufen besteigen mußte. Am andern Tag erfuhren sie, daß seine Schriften in Worms verdammt worden seien. Boten verkündigten des Kaisers Erlaß und forderten jedermann auf, die geächteten Bücher den Behörden auszuliefern. Der Herold, der um Luthers Sicherheit auf dem Reichstag fürchtete und meinte, dessen Entschluß könnte dadurch erschüttert sein, fragte: „Herr Doktor, wollt ihr fortziehen? Da antwortete ich (Luther): Ja, unangesehen, daß man mich hätte in den Bann getan und das in allen Städten veröffentlicht, so wollt ich doch fortziehen.“ (Luther, EA, LXIV 367) {GK 151.3}

In Erfurt wurde Luther mit großen Ehren empfangen. Von der bewundernden Menge umgeben, durchschritt er die Straßen, in denen er oft mit seinem Bettelsack einhergegangen war. Er besuchte seine Klosterzelle und gedachte der Kämpfe, durch die das nun Deutschland überflutende Licht auch seine Seele erleuchtet hatte. Man nötigte ihn zum Predigen. Zwar war ihm dies verboten, aber der Herold gestattete es dennoch. Der Mönch, einst im Kloster jedermanns Handlanger gewesen, bestieg die Kanzel. {GK 152.1}

In einer überfüllten Versammlung predigte er über die Worte Christi: „Friede sei mit euch!“ „Ihr wisset auch, daß alle Philosophen, Doktoren und Skribenten sich beflissen zu lehren und schreiben, wie sich der Mensch zur Frömmigkeit halten soll, haben sich des sehr bemüht, aber wie man sieht, wenig ausgerichtet … Denn Gott, der hat auserwählet einen Menschen, den Herrn Jesum Christ, daß der soll den Tod zerknirschen, die Sünden zerstören und die Hölle zerbrechen … Also daß wir durch seine Werke … und nicht mit unseren Werken selig werden … Unser Herr Christus hat gesagt: Habt Frieden und sehet meine Hände. Sieh Mensch, ich bin der allein, der deine Sünde hat hinweggenommen, der dich erlöste. Nun habe Frieden.“ {GK 152.2}

„So soll ein jeglicher Mensch sich besinnen und bedenken, daß wir uns nicht helfen können, sondern Gott, auch daß unsere Werke gar gering sind: so haben wir den Frieden Gottes; und ein jeglicher Mensch soll sein Werk also schicken, daß ihm nicht allein nutz sei, sondern auch einem andern, seinem Nächsten. Ist er reich, so soll sein Gut den Armen nutz sein; ist er arm, soll sein Verdienst den Reichen zugute kommen … Denn wenn du merkst, daß du deinen Nutzen allein schaffst, so ist dein Dienst falsch.“ (Luther, EA, XVI 249-257) {GK 152.3}

Das Volk lauschte wie gebannt seinen Worten. Das Brot des Lebens wurde jenen hungernden Seelen gebrochen. Christus erschien darin als der, der über Papst, Legat, Kaiser und König steht. Luther machte keinerlei Andeutungen über seine gefährliche Lage. Weder versuchte er, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, noch suchte er Mitgefühl zu erwecken. Sein Ich trat ganz hinter die Betrachtung Christi zurück. Er verbarg sich hinter dem Gekreuzigten von Golgatha und verlangte nur danach, Jesus als den Erlöser des Sünders darzustellen. {GK 152.4}

Auf der Weiterreise brachte das Volk dem Reformator die größte Anteilnahme entgegen. Eine neugierige Menge drängte sich überall um ihn, und freundschaftliche Stimmen warnten ihn vor den Absichten der Römlinge. Einige sagten: Man wird dich verbrennen wie den Hus. Luther antwortete: „Und wenn sie gleich ein Feuer machten, das zwischen Wittenberg und Worms bis an den Himmel reicht, weil es aber gefordert wäre, so wollte ich doch im Namen des Herrn erscheinen und dem Behemoth zwischen seine große Zähne treten und Christum bekennen und denselben walten lassen.“ (Luther, Walch, XV 2172,2173.) {GK 153.1}

Die Kunde, Luther nähere sich Worms, rief große Erregung hervor. Seine Freunde zitterten um seine Sicherheit; seine Feinde fürchteten für den Erfolg ihrer Sache. Ernsthaft bemühte man sich, ihm von dem Betreten der Stadt abzuraten. Auf Anstiften der Römlinge drang man in ihn sich auf das Schloß eines befreundeten Ritters zu begeben, wo nach ihrer Darstellung dann alle Schwierigkeiten auf freundschaftlichem Wege beigelegt werden könnten. Freunde versuchten, ihm durch Vorstellungen der ihm drohenden Gefahr Furcht einzuflößen. Alle Bemühungen blieben nutzlos. Luther wankte nicht, sondern erklärte: „Ich will gen Worms, wenn gleich so viel Teufel drinnen wären, als immer Ziegel auf ihren Dächern!“ {GK 153.2}

Bei seiner Ankunft in Worms war die Zahl derer, die sich an den Toren drängten, ihn willkommen zu heißen, sogar noch größer als beim Einzug des Kaisers. Es herrschte eine ungeheure Erregung, und aus der Mitte der Volksmenge sang eine durchdringende, klagende Stimme ein Grablied, um Luther vor dem ihm bevorstehenden Schicksal zu warnen. „Gott wird mit mir sein“, sprach er mutig beim Verlassen des Wagens. {GK 153.3}

Papst Leo X., Gemälde von Raffael 1518-1519

Die Anhänger des Papstes hatten nicht erwartet, daß Luther es wirklich wagen würde, in Worms zu erscheinen, und seine Ankunft bestürzte sie außerordentlich. Der Kaiser rief sofort seine Räte zusammen, um das einzuschlagende Verfahren zu erwägen. Einer der Bischöfe, ein unbeugsamer Anhänger Roms, erklärte: „Wir haben uns schon lange darüber beraten. Kaiserliche Majestät möge diesen Mann beiseite tun und ihn umbringen lassen. Sigismund hat den Johann Hus ebenso behandelt; einem Ketzer brauch man kein Geleit zu geben oder zu halten.“ Karl verwarf diesen Vorschlag, man müsse halten, was man versprochen habe. Der Reformator sollte also vorgeladen werden. (D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 7.Buch, 8.Abschnitt 195; Ranke, „Geschichte im Zeitalter der Reformation“, I 330 f.) {GK 153.4}

Die ganze Stadt wollte diesen merkwürdigen Mann sehen, und bald füllte sich sein Quartier mit vielen Besuchern. Luther hatte sich kaum von einer kürzlich überstanden Krankheit erholt; er war ermüdet von der Reise, die zwei Wochen in Anspruch genommen hatte; er mußte sich auf die wichtigsten Ereignisse des morgigen Tages vorbereiten und brauchte Stille und Ruhe. Das Verlangen, ihn zu sehen, war jedoch so groß, daß er sich nur einiger Ruhestunden erfreut hatte, als sich Edelleute, Ritter, Priester und Bürger um ihn sammelten. Unter ihnen waren viele der Adligen, die vom Kaiser so kühn eine Reform der kirchlichen Mißbräuche verlangt hatten, und die, wie Luther sich ausdrückte, „alle durch mein Evangelium frei geworden waren“. Feinde wie Freunde kamen, um den furchtlos-kühnen Mönch zu sehen; er empfing sie mit unerschütterlicher Ruhe und antwortete allen mit Würde und Weisheit. Seine Haltung war fest und mutig; sein bleiches, abgezehrtes Gesicht, das die Spuren der Anstrengung und Krankheit nicht verleugnen konnte, zeigte einen freundlichen, ja sogar freudigen Ausdruck. Die Feierlichkeit und der tiefe Ernst seiner Worte verliehen ihm eine Kraft, der selbst seine Feinde nicht gänzlich widerstehen konnten. Freund und Feind waren voller Bewunderung. Manche waren überzeugt, daß ein göttlicher Einfluß ihn begleite; andere erklärten, wie die Pharisäer hinsichtlich Christi, er habe den Teufel. {GK 154.1}

Am folgenden Tag wurde Luther aufgefordert, vor dem Reichstag zu erscheinen. Ein kaiserlicher Beamter sollte ihn in den Empfangssaal führen; nur mit Mühe erreichte er diesen Ort. Jeder Zugang war mit Schaulustigen verstopft, die den Mönch sehen wollten, der es gewagt hatte, der Autorität des Papstes zu widerstehen. {GK 154.2}

Als Luther vor seine Richter treten wollte, sagte ein Feldherr, der Held mancher Schlacht, freundlich zu ihm: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen Gang, einen Stand zu tun, dergleichen ich und mancher Oberster auch in unsern allerernstesten Schlachtordnungen nicht getan haben; bist du auf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen fort und sei nur getrost, Gott wird dich nicht verlassen.“ (Spangenberg, Cyriakus, „Adelsspiegel“, III 54. Der Landsknechtsführer Georg von Frundsberg hatte Luther mit den zitierten Worten ermutigend auf die Schulter geklopft.) {GK 154.3}

Endlich stand Luther vor dem Reichstag. Der Kaiser saß auf dem Thron. Er war von den erlauchtesten Persönlichkeiten des Kaiserreichs umgeben. Nie zuvor war je ein Mensch vor einer bedeutsameren Versammlung erschienen als jene war, vor welcher Martin Luther seinen Glauben verantworten sollte. „Sein Erscheinen allein war ein außerordentlicher Sieg über das Papsttum. Der Papst hatte diesen Mann verurteilt, und dieser stand jetzt vor einem Gericht, das sich dadurch über den Papst stellte. Der Papst hatte ihn in den Bann getan, von aller menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, und dennoch war er mit höflichen Worten vorgeladen und erschien nun vor der erlauchtesten Versammlung der Welt. Der Papst hatte ihn zu ewigem Schweigen verurteilt und jetzt sollte er vor Tausenden aufmerksamer Zuhörer aus den verschiedensten Landen der Christenheit reden. So kam durch Luther eine gewaltige Revolution zustande: Rom stieg von seinem Thron herab, und das Wort eines Mönches gab die Veranlassung dazu.“ (D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 7.Buch, 8.Abschnitt, 199) {GK 155.1}

Angesichts jener gewaltigen, aus Adligen bestehenden Versammlung schien der Reformator, der von niedriger Geburt war, eingeschüchtert und verlegen. Mehrere Fürsten, die seine Gefühle bemerkten, näherten sich ihm, und einer von ihnen flüsterte: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten.“ Ein anderer sagte: „Wenn ihr vor Fürsten und Könige geführt werdet um meinetwillen, wird es euch durch den Geist eures Vaters gegeben werden, was ihr reden sollt.“ (Melanchthon, „Leben Luthers“ 53) Auf diese Weise wurden Christi Worte von den Großen dieser Erde gebraucht, um Gottes Diener in der Stunde der Prüfung zu stärken. {GK 155.2}

Martin Luther als Mönch, Kupferstich von Lukas Cranach d.Ä., 1520

Luther wurde ein Platz unmittelbar vor dem kaiserlichen Thron angewiesen. Tiefes Schweigen herrschte in der großen Versammlung. Der vom Kaiser beauftragte Redner erhob sich und verlangte, indem er auf eine Sammlung von Luthers Schriften wies, daß der Reformator zwei Fragen beantworte: Ob er die hier vorliegenden Bücher als die seinigen anerkenne oder nicht; und ob er die Ansichten, die er darin verbreitet habe, widerrufe. Nachdem die Titel der Bücher vorgelesen worden waren, erwiderte Luther, daß er hinsichtlich der ersten Frage jene Bücher als von ihm geschrieben annehme und nichts je davon ableugne. Aber was da folge, „weil dies eine Frage vom Glauben und der Seelen Seligkeit sei und das göttliche Wort betreffe, was das höchste sei im Himmel und auf Erden …, da wäre es vermessen und sehr gefährlich, etwas Unbedachtes auszusprechen. Ich könnte ohne vorherige Überlegung leicht weniger behaupten als die Sache erfordere, oder mehr als der Wahrheit gemäß wäre, und durch das eine und andere jenem Urteile Christi verfallen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den werde ich vor meinem himmlischen Vater auch verleugnen. Matthäus 10,33. Deshalb bitte ich von Kaiserlicher Majestät aufs alleruntertänigste um Bedenkzeit, damit ich ohne Nachteil für das göttliche Wort und ohne Gefahr für meine Seele dieser Frage genugtue.“ (Luther, EA, LXIV 377ff; op. lat. XXXVII 5-8) {GK 155.3}

Luther handelte sehr klug, daß er dieses Gesuch stellte. Sein Benehmen überzeugte die Versammlung, daß er nicht aus Leidenschaft oder bloßem Antrieb handle. Solche Ruhe und Selbstbeherrschung, die man von einem, der so kühn und unnachgiebig war, nicht erwartet hätte, erhöhten Luthers Stärke und befähigten ihn später, mit einer Vorsicht, Entschiedenheit, Weisheit und Würde zu antworten, daß seine Gegner überrascht und enttäuscht, ihre Anmaßung und ihr Stolz aber beschämt wurden. {GK 156.1}

Am nächsten Tag sollte er erscheinen, um seine endgültige Antwort zu geben. Als er sich die gegen die Wahrheit verbündeteten Mächte nochmals vor Augen führte, verließ ihn für einen Augenblick der Mut. Sein Glaube schwankte, Furcht und Zittern ergriffen ihn, und Grauen lastete auf ihm. Die Gefahren vervielfältigten sich vor seinen Augen, seine Feinde schienen zu siegen und die Mächte der Finsternis die Oberhand zu gewinnen. Wolken sammelten sich um ihn und drohten ihn von Gott zu trennen. Er sehnte sich nach der Gewißheit, daß der Herr der Heerscharen mit ihm sei. In seiner Seelennot warf er sich mit dem Angesicht auf die Erde und stieß jene gebrochenen herzzerreißenden Angstrufe aus, die Gott allein in der Lage ist, völlig zu verstehen. {GK 156.2}

Er betete: „Allmächtiger, ewiger Gott! Wie ist es nur ein Ding um die Welt! Wie sperrt sie den Leuten die Mäuler auf! Wie klein und gering ist das Vertrauen der Menschen auf Gott … und siehet nur allein bloß an, was prächtig und gewaltig, groß und mächtig ist und ein Ansehen hat. Wenn ich auch meine Augen dahin wenden soll, so ist‘s mit mir aus, die Glocke ist schon gegossen und das Urteil gefällt. Ach Gott! o du mein Gott, stehe du mir bei wider alle Welt, Vernunft und Weisheit. Tue du es; du mußt es tun, du allein. Ist es doch nicht mein, sondern deine Sache. Habe ich doch für meine Person hier nichts zu schaffen und mit diesen großen Herrn der Welt zu tun … Aber dein ist die Sache, Herr, die gerecht und ewig ist. Stehe mir bei, du treuer, ewiger Gott! ich verlasse mich auf keinen Menschen. Es ist umsonst und vergebens, es hinket alles, was fleischlich ist … Hast du mich dazu erwählet? Ich frage dich; wie ich es denn gewiß weiß; ei, so walt es Gott … Steh mir bei in dem Namen deines lieben Sohnes Jesus Christi, der mein Schutz und Schirm sein soll, ja meine feste Burg.“ (Luther, EA, LXIV 289f.) {GK 157.1}

Eine allweise Vorsehung hatte Luther seine Gefahr erkennen lassen, damit er weder auf seine eigene Kraft baute noch sich vermessen in Gefahr stürzte. Es war jedoch nicht die Furcht zu leiden, nicht die Angst vor der ihm scheinbar unmittelbar bevorstehenden Qual oder vor dem Tod, die ihn mit ihrem Schrecken überwältigte; er hatte einen entscheidenden Zeitpunkt erreicht und fühlte seine Untüchtigkeit, in ihm zu bestehen. Er könnte der Sache der Wahrheit infolge seiner Schwäche schaden. Er rang mit Gott, nicht um seiner eigenen Sicherheit, sondern um des Sieges des Evangeliums willen. Die Angst und das Ringen seiner Seele glich jenem nächtlichen Kampf Jakobs am einsamen Bach; wie jener trug auch er den Sieg davon. In seiner gänzlichen Hilflosigkeit klammerte sich sein Glaube an Christus, den mächtigen Befreier. Er wurde durch die Versicherung gestärkt, daß er nicht allein vor dem Reichstag erscheinen sollte; Friede zog wiederum in seine Seele ein, und er freute sich, daß es ihm vergönnt war, das heilige Wort Gottes vor den Herrschern des Volkes emporzuhalten. {GK 157.2}

Mit festem Gottvertrauen bereitete sich Luther auf den ihm bevorstehenden Kampf vor. Er plante seine Antwort, prüfte etliche Stellen seiner eigenen Schriften und suchte in der Bibel passende Belege, um seine Behauptungen zu stützen. Dann gelobte er, seine Linke auf das offen vor ihm liegende Buch legend und seine Rechte zum Himmel erhebend, „dem Evangelium treu zu bleiben und seinen Glauben frei zu bekennen, sollte er ihn auch mit seinem Blute besiegeln.“ (D‘Aubigné, ebd., 7.Buch, 8) {GK 157.3}

Als er wieder vor den Reichstag geführt wurde, war sein Angesicht frei von Furcht und Verlegenheit. Ruhig und friedvoll, dennoch mutig und edel stand er als Gottes Zeuge unter den Großen der Erde. Der kaiserliche Beamte verlangte nun die Entscheidung, ob er gewillt sei, seine Lehren zu widerrufen. Luther gab die Antwort in einem unterwürfigen und bescheidenen Ton ohne Heftigkeit oder Erregung. Sein Benehmen war maßvoll und ehrerbietig; dennoch offenbarte er eine Zuversicht und eine Freudigkeit, die die Versammlung überraschte. {GK 158.1}

Seine Antwort lautete: „Allerdurchlauchtigster, großmächtigster Kaiser, durchlauchtigste Fürsten, gnädigste und gnädige Herren! Auf die Bedenkzeit, mir auf gestrigen Abend ernannt, erscheine ich gehorsam und bitte durch die Barmherzigkeit Gottes Eure Kaiserliche Majestät um Gnaden, daß sie wollen, wie ich hoffe, diese Sachen der Gerechtigkeit und Wahrheit gnädiglich zuhören, und so ich von wegen meiner Unerfahrenheit … wider die höfischen Sitten handle, mir solches gnädig zu verzeihen als einem, der nicht an fürstlichen Höfen erzogen, sondern in Mönchswinkeln aufkommen.“ (Luther, EA, LXIV, 378) {GK 158.2}

Dann zu der ihm aufgegebenen Frage übergehend, erklärte er, daß seine Bücher nicht einerlei Art seien. Einige behandelten den Glauben und die guten Werke, so daß auch seine Widersacher sie für nützlich und unschädlich anerkannt hätten. Diese zu widerrufen, wäre ein Verdammen der Wahrheiten, die Freunde und Feinde zugleich bekennen. Die zweite Art bestände aus Büchern, welche die Verderbtheiten und Übeltaten des Papsttums darlegten. Diese Werke zu widerrufen, würde die Gewaltherrschaft Roms nur stärken und vielen und großen Gottlosigkeiten die Tür noch weiter öffnen. In der dritten Art seiner Bücher habe er einzelne Personen angegriffen, die bestehende Übelstände verteidigt hätten. Im Hinblick auf diese Bücher bekenne er, heftiger gewesen zu sein, als es sich gezieme. Er beanspruche keineswegs, fehlerfrei zu sein. Aber auch diese Bücher könne er nicht widerrufen, denn dann würden die Feinde der Wahrheit nur noch kühner werden und das Volk Gottes mit noch größerer Grausamkeit als bisher unterdrücken wollen. {GK 158.3}

Luther auf dem Reichstag zu Worms, Gemälde von Paul Thurmann, 1872

„Dieweil aber ich ein Mensch und nicht Gott bin, so mag ich meine Büchlein anders nicht verteidigen, denn mein Herr Jesus Christus seine Lehre unterstützt hat: ‚Habe ich übel geredet, so beweise es.‘ Johannes 18,23. Derhalben bitte ich durch die Barmherzigkeit Gottes Eure Kaiserliche Majestät und Gnaden, oder aber alle andern Höchsten und Niedrigen mögen mir Zeugnis geben, mich Irrtums überführen, mich mit prophetischen und evangelischen Schriften überwinden. Ich will auf das allerwilligste bereit sein, so ich dessen überwiesen werde, alle Irrtümer zu widerrufen und der allererste sein, meine Bücher in das Feuer zu werfen; aus welchem allem ist, meine ich, offenbar, daß ich genügsam bedacht, erwogen und ermessen habe die Gefahr, Zwietracht, Aufruhr und Empörung, so wegen meiner Lehre in der Welt erwachsen ist … Wahrlich, mir ist das Liebste zu hören, daß wegen des göttlichen Wortes sich Mißhelligkeit und Uneinigkeit erheben; denn das ist der Lauf, Fall und Ausgang des göttlichen Wortes, wie der Herr selbst sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert‘ (Matthäus 10,34) … Darum müssen wir bedenken, wie wunderbar und schrecklich unser Gott ist in seinen Gerichten, auf daß nicht das, was jetzt unternommen wird, um die Uneinigkeit beizulegen, hernach, so wir den Anfang dazu mit Verdammung des göttlichen Wortes machen, vielmehr zu einer Sintflut unerträglicher Übel ausschlage; bedenken müssen wir und fürsorgen, daß nicht diesem jungen, edlen Kaiser Karl, von welchem nächst Gott vieles zu hoffen ist, ein unseliger Eingang und ein unglücklich Regiment zuteil werde. Ich könnte dafür reichlich Exempel bringen aus der Heiligen Schrift, von Pharao, vom König zu Babel und von den Königen Israels, welche gerade dann am meisten Verderben sich bereitet haben, wenn sie mit den klügsten Reden und Anschlägen ihr Reich zu befrieden und zu befestigen dachten. Denn der Herr ist‘s, der die Klugen erhascht in ihrer Klugheit und die Berge umkehrt, ehe sie es innewerden; darum tut‘s not, Gott zu fürchten.“ (Luther, EA, LXIV, 379-382; op. lat. XXXVII, 11-13) {GK 159.1}

Luther hatte deutsch gesprochen; er wurde nun aufgefordert, dieselben Worte in lateinischer Sprache zu wiederholen. Wiewohl er durch die voraufgegangene Anstrengung erschöpft war, willfahrte er doch dieser Bitte und trug dieselbe Rede noch einmal ebenso deutlich und kraftvoll vor, so daß ihn alle verstehen konnten. Gottes Vorsehung waltete in dieser Sache. Viele Fürsten waren durch Irrtum und Aberglauben so verblendet, daß sie bei Luthers erster Rede die Gewichtigkeit seiner Gründe nicht klar erfassen konnten; durch diese Wiederholung aber wurden ihnen die angeführten Punkte klar verständlich. {GK 160.1}

Solche, die ihre Herzen dem Licht hartnäckig verschlossen und sich durchaus nicht von der Wahrheit überzeugen lassen wollten, wurden durch die Gewalt seiner Worte in höchsten Zorn versetzt. Als er seine Rede beendet hatte, mahnte der Wortführer des Reichstages in strafendem Ton, Luther hätte nicht zur Sache geantwortet, und es gehöre sich nicht, hier Verdammungsurteile und Feststellungen von Konzilien in Frage zu ziehen. Luther sollte klar und deutlich antworten, ob er widerrufen wolle oder nicht. {GK 160.2}

Darauf erwiderte der Reformator: „Weil denn Eure Majestät und die Herrschaften eine einfache Antwort begehren, so will ich eine geben, die weder Hörner noch Zähne hat, dermaßen: Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder helle Gründe werde überwunden werden (denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben), so bin ich überwunden durch die von mir angeführten Schriften und mein Gewissen gefangen in Gottes Worten; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unsicher und nicht lauter ist. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ (Luther, EA, LXIV, 382f.) {GK 160.3}

So stand dieser rechtschaffene Mann auf dem sicheren Grund des göttlichen Wortes. Des Himmels Licht erleuchtete sein Angesicht. Die Größe und Reinheit seines Charakters, der Friede und die Freude seines Herzens offenbarten sich allen, als er die Macht des Irrtums bloßstellte und die Überlegenheit jenes Glaubens bezeugte, der die Welt überwindet. {GK 160.4}

Die Versammlung staunte über diese kühne Verteidigung. Seine erste Antwort hatte Luther mit gedämpfter Stimme in achtungsvoller, beinahe unterwürfiger Haltung gegeben. Die Römlinge hatten dies als einen Beweis gedeutet, daß sein Mut angefangen habe zu wanken. Sie betrachteten sein Gesuch um Bedenkzeit nur als Vorspiel seines Widerrufs. Sogar Kaiser Karl, der halb verächtlich die gebeugte Gestalt des Mönches, sein schlichtes Gewand und die Einfachheit seiner Ansprache wahrnahm, hatte erklärt: „Der soll mich nicht zum Ketzer machen.“ Der Mut aber und die Festigkeit, die Luther nun an den Tag legte, überraschte, ebenso wie die Kraft und Klarheit seiner Beweisführung, alle Parteien. Von Bewunderung hingerissen, rief der Kaiser: „Dieser Mönch redet unerschrocken, mit getrostem Mut!“ Viele Fürsten blickten mit Stolz und Freude auf diesen Vertreter ihrer Nation. {GK 161.1}

Die Anhänger Roms waren geschlagen, und ihre Sache erschien in einem sehr ungünstigen Licht. Sie suchten nicht etwa dadurch ihre Macht aufrechtzuerhalten, indem sie sich auf die Heilige Schrift beriefen, sondern sie nahmen ihre Zuflucht zu Roms nie versagendem Beweismittel: zur Drohung. Der Wortführer des Reichstages sagte: Widerruft er nicht, so werden der Kaiser samt den Fürsten und Ständen des Reiches beraten, wie sie mit einem solchen Ketzer verfahren wollen. {GK 161.2}

Luthers Freunde hatten seiner glänzenden Verteidigungsrede mit großer Freude gelauscht, doch diese Worte ließen sie für seine Sicherheit fürchten. Luther selbst aber sagte gelassen: „So helf mir Gott, denn einen Widerruf kann ich nicht tun.“ (Luther, Walch, XV, 2234,2235) {GK 161.3}

Luther verließ den Tagungsort damit die Fürsten sich beraten konnten. Sie fühlten, daß sie vor einem großen Wendepunkt standen. Luthers beharrliche Weigerung, sich zu unterwerfen, könnte die Geschichte der Kirche auf Jahrhunderte hinaus beeinflussen. Es wurde beschlossen, ihm nochmals Gelegenheit zum Widerruf zu geben. Zum letztenmal wurde er vor die Versammlung gebracht. Der Wortführer der Fürsten fragte ihn nochmals im Namen des Kaisers, ob er nicht widerrufen wolle. Darauf erwiderte Luther: „Ich weiß keine andere Antwort zu geben, wie die bereits vorgebrachte.“ (Luther, Leipziger Ausgabe, XVII, 580) Er könne nicht widerrufen, er wäre denn aus Gottes Wort eines besseren überführt. Es war offenbar, daß weder Versprechungen noch Drohungen ihn zur Nachgiebigkeit gegenüber Roms Befehlen bewegen konnten. {GK 161.4}

Die Vertreter Roms ärgerten sich, daß ihre Macht, die Könige und Adlige zum Erzittern gebracht hatte, auf diese Weise von einem einfachen Mönch mißachtet werden sollte; sie verlangten danach, ihn ihren Zorn fühlen zu lassen und ihn zu Tode zu martern. Aber Luther, der die ihm drohende Gefahr begriff, hatte zu allen in christlicher Würde und Gelassenheit gesprochen. Seine Worte waren frei von Stolz, Leidenschaft oder Täuschung gewesen. Er hatte sich selbst und die großen Männer, die ihn umgaben, aus den Augen verloren und fühlte nur, daß er in der Gegenwart Gottes war, der unendlich erhaben über Päpsten, Prälaten, Königen und Kaisern thront. Christus hatte durch Luthers Zeugnis mit einer Macht und Größe gesprochen, die für den Augenblick Freunden und Feinden Ehrfurcht und Erstaunen einflößte. Der Geist Gottes war in jener Versammlung gegenwärtig gewesen und hatte die Herzen der Großen des Reiches ergriffen. Mehrere Fürsten anerkannten offen die Gerechtigkeit der Sache Luthers. {GK 162.1}

Viele waren von der Wahrheit überzeugt; bei einigen jedoch dauerte dieser Eindruck nicht lange an. Andere hielten mit ihrer Meinung zurück, wurden aber später, nachdem sie die Heilige Schrift für sich selbst durchforscht hatten, furchtlose Anhänger der Reformation. {GK 162.2}

Kurfürst Friedrich der Weise, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1524

Kurfürst Friedrich der Weise, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1524

Der Kurfürst Friedrich von Sachsen hatte mit großer Besorgnis dem Erscheinen Luthers vor dem Reichstag entgegengesehen und lauschte jetzt tief bewegt seiner Rede. Mit Stolz und Freude sah er den Mut, die Entschiedenheit und die Selbstbeherrschung des Doktors und nahm sich vor, ihn entschiedener als je zu verteidigen. Er verglich die streitenden Parteien und erkannte, daß die Weisheit der Päpste, der Könige und Prälaten durch die Macht der Wahrheit zunichte gemacht worden war. Diese Niederlage des Papsttums sollte unter allen Nationen und zu allen Zeiten fühlbar sein. {GK 162.3}

Als der Legat die Wirkung der Rede Luthers wahrnahm, fürchtete er wie nie zuvor für die Sicherheit der römischen Macht, und er entschloß sich, alle ihm zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um den Untergang des Reformators herbeizuführen. Mit all der Beredsamkeit und dem diplomatischen Geschick, das ihn in so hohem Grade auszeichnete, stellte er dem jugendlichen Kaiser die Torheit und die Gefahr dar, wegen eines unbedeutenden Mönches die Freundschaft und Hilfe des mächtigen Rom zu opfern. {GK 162.4}

Seine Worte blieben nicht wirkungslos. Schon am nächsten Tag ließ Kaiser Karl den Reichsständen seinen Beschluß melden, daß er nach der Weise seiner Vorfahren fest entschlossen sei, ihren Glauben zu unterstützen und zu schützen. Da Luther sich geweigert hatte, seinen Irrtümern zu entsagen, sollten die strengsten Maßregeln gegen ihn und die Ketzereien, die er lehrte, angewandt werden. „Es sei offenkundig, daß ein durch seine eigene Torheit verleiteter Mönch der Lehre der ganzen Christenheit widerstreite … so bin ich fest entschlossen, alle meine Königreiche, das Kaisertum, Herrschaften, Freunde, Leib, Blut und das Leben und mich selbst daran zu setzen, daß dies gottlose Vornehmen nicht weiter um sich greife … Gebiete demnach, daß er sogleich nach der Vorschrift des Befehls wieder heimgebracht werde und sich laut des öffentlichen Geleites in acht nehme, nirgends zu predigen, noch dem Volk seine falschen Lehren weiter vorzutragen. Denn ich habe fest beschlossen, wider ihn als einen offenbaren Ketzer zu verfahren. Und begehre daher von euch, daß ihr in dieser Sache dasjenige beschließet, was rechten Christen gebührt und wie ihr zu tun versprochen habt.“ (Luther, Walch, XIV, 2236,2237) Der Kaiser erklärte, Luther müsse das sichere Geleit gehalten werden, und ehe Maßregeln gegen ihn getroffen werden könnten, müsse ihm gestattet werden, seine Heimat sicher und unbehelligt zu erreichen. {GK 163.1}

Wiederum wurden zwei entgegengesetzte Meinungen der Reichsstände offenbar. Die Legaten und Vertreter des Papstes forderten von neuem, das Sicherheitsgeleit für Luther nicht zu beachten, und sagten: Der Rhein muß seine Asche aufnehmen wie die des Hus vor einem Jahrhundert. (D‘Aubigné, ebd., 7.Buch, Kapitel 9) Doch deutsche Fürsten, obwohl päpstlich gesinnt und offene Feinde Luthers, wandten sich gegen einen öffentlichen Treubruch als einen Schandfleck für die Ehre der Nation. Sie wiesen auf die folgenschweren Auseinandersetzungen hin, die auf den Tod des Hus gefolgt waren, und erklärten, daß sie es nicht wagten, eine Wiederholung dieser schrecklichen Ereignisse über Deutschland und auf das Haupt ihres jugendlichen Kaisers zu bringen. {GK 163.2}

Karl selbst erwiderte auf den niederträchtigen Vorschlag: „Wenn Treue und Glauben nirgends mehr gelitten würden, sollten doch solche an den fürstlichen Höfen ihre Zuflucht finden.“ (Seckendorff, ebd., 357) Die unerbittlichsten der römischen Feinde Luthers drangen noch weiter auf den Kaiser ein, mit dem Reformator zu verfahren, wie Sigismund Hus behandelt hatte, und ihn der Gnade und der Ungnade der Kirche zu überlassen. Karl V. aber, der sich ins Gedächtnis zurückrief, wie Hus in der öffentlichen Versammlung auf seine Ketten hingewiesen und den Kaiser an seine verpfändete Treue erinnert hatte, erklärte entschlossen: „Ich will nicht wie Sigismund erröten!“ (Lenfant, „Histoire du concile de Constance“, Bd. I, 3.Buch, 404) {GK 164.1}

Karl hatte jedoch wohlüberlegt die von Luther verkündigten Wahrheiten verworfen. „Ich bin“, schrieb der Herrscher, „fest entschlossen, in die Fußtapfen meiner Ahnen zu treten.“ Er hatte entschieden, nicht von dem Pfad des herkömmlichen Glaubens abzuweichen, selbst nicht, um in den Wegen der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu wandeln. Weil seine Väter dem römischen Glauben gefolgt waren, wollte auch er das Papsttum mit all seiner Grausamkeit und Verderbtheit aufrechterhalten. Bei diesem Entscheid blieb er, und er weigerte sich, irgendwelches weitere Licht, das über die Erkenntnis seiner Väter hinausging, anzunehmen oder irgendeine Pflicht auszuüben, die sie nicht ausgeübt hatten. {GK 164.2}

Viele halten heute in gleicher Weise an den Gebräuchen und Überlieferungen der Väter fest. Schickt der Herr ihnen weiteres Licht, so weigern sie sich, es anzunehmen, weil ihre Väter es auch nicht angenommen hatten, ohne zu bedenken, daß es jenen gar nicht gewährt worden war. Wir sind viel weiter vorwärts geschritten als unsere Väter waren, infolgedessen sind unsere Pflichten und Verantwortlichkeiten auch nicht die gleichen. Gott wird es nicht gutheißen, wenn wir auf das Beispiel unserer Väter blicken, statt das Wort der Wahrheit für uns selbst zu untersuchen, um unsere Pflichten zu erkennen. Unsere Verantwortung ist größer als die unserer Vorfahren. Wir sind verantwortlich für das Licht, das sie erhielten und das uns als Erbgut zuteil wurde. Wir müssen aber auch Rechenschaft ablegen über das neu hinzugekommene Licht, das jetzt aus dem Worte Gottes auf uns scheint. {GK 164.3}

Christus sagte von den ungläubigen Juden: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, ihre Sünde zu entschuldigen.“ Johannes 15,22. Dieselbe göttliche Macht hatte durch Luther zum Kaiser und zu den Fürsten Deutschlands gesprochen. Und als das Licht aus dem Worte Gottes strahlte, sprach sein Geist für viele in jener Versammlung zum letztenmal. Wie Pilatus Jahrhunderte zuvor dem Stolz und der Gunst des Volkes gestattet hatte, dem Erlöser der Welt sein Herz zu verschließen; wie der zitternde Felix den Boten der Wahrheit gebeten hatte: „Gehe hin auf diesmal; wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich herrufen lassen“ (Apostelgeschichte 24,25), wie der stolze Agrippa bekannt hatte: „Es fehlt nicht viel, du überredest mich, daß ich ein Christ würde“ (Apostelgeschichte 26,28), und sich doch von der vom Himmel gesandten Botschaft abwandte — so entschied sich Karl V., den Eingebungen weltlichen Stolzes und der Staatsklugheit folgend, das Licht der Wahrheit zu verwerfen. {GK 165.1}

Gerüchte über die Absichten gegen Luther wurden weithin laut und verursachten große Aufregung in der ganzen Stadt. Der Reformator hatte sich viele Freunde erworben, die beschlossen, da sie die verräterische Grausamkeit Roms gegen alle kannten, welche es wagten, seine Verkommenheit bloßzustellen, daß er nicht geopfert werden sollte. Hunderte von Edelleuten verpflichteten sich, ihn zu beschützen. Nicht wenige rügten die kaiserliche Botschaft öffentlich als einen Beweis der Schwäche gegenüber der beherrschenden Macht Roms. An Haustüren und auf öffentlichen Plätzen wurden Plakate angebracht, von denen manche Luther verurteilten, andere ihn unterstützten. Auf einem von ihnen standen nur die bedeutsamen Worte des weisen Salomo: „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist!“ Prediger 10,6. Die Begeisterung des Volkes für Luther, die in ganz Deutschland herrschte, überzeugte sowohl den Kaiser als auch den Reichstag, daß irgendein ihm zugefügtes Leid den Frieden des Reiches und selbst die Sicherheit des Thrones gefährden würde. {GK 165.2}

Friedrich von Sachsen hielt sich wohlweislich zurück und verbarg sorgfältig seine wirklichen Gefühle gegen den Reformator, während er ihn gleichzeitig mit unermüdlicher Wachsamkeit beschützte und sowohl seine als auch seiner Feinde Schritte scharf beobachtete. Viele jedoch brachten ihre Sympathie für Luther offen zum Ausdruck. Er wurde von vielen Fürsten, Grafen, Baronen und andern einflußreichen weltlichen und kirchlichen Persönlichkeiten besucht. „Das kleine Zimmer des Doktors konnte die vielen Besucher, die sich vorstellten, nicht fassen“, schrieb Spalatin. (Luther, EA, op. lat XXXVII, 15,16) Selbst solche, die seine Lehren nicht glaubten, mußten doch jene stolze Größe bewundern, die ihn antrieb, eher in den Tod zu gehen als sein Gewissen zu verletzen. {GK 165.3}

Weitere ernstliche Anstrengungen wurden unternommen, um Luther zu einem Ausgleich mit Rom zu bewegen. Besondere kleine Ausschüsse, aus Fürsten, Prälaten und Gelehrten bestehend, bemühten sich weiter um ihn, und sein Geleitsbrief wurde gegen den Wunsch des Legaten um fünf Tage verlängert. Fürsten und Adlige stellten ihm vor Augen, der Kaiser würde ihn aus dem Reich vertreiben und ihm in ganz Deutschland keine Zuflucht lassen, wenn er hartnäckig sein eigenes Urteil gegen das der Kirche und Konzilien aufrechterhielte. Luther antwortete auf diese ernste Vorstellung: „Ich weigere mich nicht, Leib, Leben und Blut dahinzugeben, nur will ich nicht gezwungen werden, Gottes Wort zu widerrufen, in dessen Verteidigung man Gott mehr als den Menschen gehorchen muß. Auch kann ich nicht das Ärgernis des Glaubens verhüten, sintemal Christus ein Stein des Ärgernisses ist.“ (Luther, EA, op. lat. XXXVII, 18) {GK 166.1}

Erneut drang man in ihn, seine Bücher dem Urteil des Kaisers und des Reiches furchtlos zu unterwerfen. Luther erwiderte: „Ich habe nichts dawider, daß der Kaiser oder die Fürsten oder der geringste Christ meine Bücher prüfen, aber nur nach dem Worte Gottes. Die Menschen müssen diesem allein gehorchen. Mein Gewissen ist in Gottes Wort und Heiliger Schrift gebunden.“ (D‘Aubigné, ebd., 7.Buch, 7.Abschnitt, 221,224) {GK 166.2}

Auf einen andern Überredungsversuch gab er zur Antwort: „Ich will eher das Geleit aufgeben, meine Person und mein Leben dem Kaiser preisgeben, aber niemals Gottes Wort.“ Er erklärte seine Bereitschaft, sich dem Entscheid eines allgemeinen Konzils zu unterwerfen, aber nur unter der Bedingung, daß es nach der Schrift entscheide. „Was das Wort Gottes und den Glauben anbelangt“, fügte er hinzu, „so kann jeder Christ ebensogut urteilen wie der Papst es für ihn tun könnte, sollten ihn auch eine Million Konzilien unterstützen.“ (Luthers Werke, Bd. II, 107, Hallenser Ausgabe) Freunde und Gegner waren schließlich überzeugt, daß weitere Versöhnungsversuche nutzlos seien. {GK 166.3}

Hätte der Reformator nur in einem einzigen Punkt nachgegeben, so würden die Mächte der Finsternis den Sieg davongetragen haben. Aber sein felsenfestes Ausharren beim Worte Gottes war das Mittel zur Befreiung der Gemeinde und der Anfang eines neuen und besseren Zeitalters. Indem Luther in religiösen Dingen selbständig zu denken und zu handeln wagte, beeinflußte er nicht nur die Kirche, ja die ganze Welt seiner Zeit, sondern auch alle künftigen Geschlechter. Seine Standhaftigkeit und Treue sollten bis zum Ende der Tage alle stärken, die ähnliche Erfahrungen zu bestehen haben werden. Gottes Macht und Majestät standen erhaben über dem Rat der Menschen und über der gewaltigen Macht des Bösen. {GK 167.1}

Bald darauf erging an Luther der kaiserliche Befehl, in seine Heimat zurückzukehren, und er wußte, daß dieser Weisung bald seine Verurteilung folgen würde. Drohende Wolken hingen über seinem Pfad. Doch als er Worms verließ, erfüllten Freude und Dank sein Herz. „Der Teufel hat auch wohl verwahret des Papstes Regiment und wollte es verteidigen; aber Christus machte ein Loch darein.“ (Luther, Leipziger Ausgabe, XVII, 589) {GK 167.2}

Auf seiner Heimreise schrieb Luther, der noch immer von dem Wunsch beseelt war, daß seine Festigkeit nicht als Empörung mißdeutet werden möchte, an den Kaiser: „Gott, der ein Herzenskündiger ist, ist mein Zeuge, daß ich in aller Untertänigkeit Eurer Kaiserlichen Majestät Gehorsam zu leisten ganz willig und bereit bin, es sei durch Leben oder Tod, durch Ehre, durch Schande, Gut oder Schaden. Ich habe auch nichts vorbehalten als allein das göttliche Wort, in welchem der Mensch nicht allein lebt, sondern wonach es auch den Engeln gelüstet zu schauen.“ — „In zeitlichen Sachen sind wir schuldig, einander zu vertrauen, weil derselben Dinge Unterwerfung, Gefahr und Verlust der Seligkeit keinen Schaden tut. Aber in Gottes Sache und ewigen Gütern leidet Gott solche Gefahr nicht, daß der Mensch dem Menschen solches unterwerfe.“ — „Solcher Glaube und Unterwerfung ist das wahre rechte Anbeten und der eigentliche Gottesdienst.“ (Enders, Bd. III, 129-141, 28.4.1521) {GK 167.3}

Auf der Rückreise von Worms war Luthers Empfang in den einzelnen Städten sogar noch großartiger als auf der Hinreise. Hochstehende Geistliche bewillkommneten den mit dem Bann belegten Mönch, und weltliche Beamte ehrten den vom Kaiser geächteten Mann. Er wurde aufgefordert, zu predigen und betrat auch trotz des kaiserlichen Verbots die Kanzel. Er selbst hatte keine Bedenken; „denn er habe nicht darein gewilligt, daß Gottes Wort gebunden werde“. (Enders, Bd. III, 154, 14.5.152) {GK 168.1}

Die Legaten des Papstes erpreßten bald nach seiner Abreise vom Kaiser die Erklärung der Reichsacht. (Luther, EA, XXIV, 223-240) Darin wurde Luther „nicht als ein Mensch, sondern als der böse Feind in Gestalt eines Menschen mit angenommener Mönchskutte“ (D‘Aubigné, ebd., 7.Buch, 11.Abschnitt, 232) gebrandmarkt. Es wurde befohlen, nach Ablauf seines Sicherheitsgeleites Maßregeln gegen ihn zu ergreifen, um sein Werk aufzuhalten. Es war jedermann verboten, ihn zu beherbergen, ihm Speise oder Trank anzubieten, ihm durch Wort oder Tat öffentlich oder geheim zu helfen oder ihn zu unterstützen. Er sollte, gleich wo er auch war, festgenommen und der Obrigkeit ausgeliefert werden. Seine Anhänger sollten ebenfalls gefangengesetzt und ihr Eigentum beschlagnahmt werden. Seine Schriften sollten vernichtet und schließlich alle, die es wagen würden, diesem Erlaß entgegenzuhandeln, in seine Verurteilung eingeschlossen werden. Der Kurfürst von Sachsen und die Fürsten, die Luther am günstigsten gesonnen waren, hatten Worms bald nach seiner Abreise verlassen. Der Reichstag bestätigte nun den Erlaß des Kaisers. Jetzt frohlockten die Römlinge. Sie betrachteten das Schicksal der Reformation für besiegelt. {GK 168.2}

Wartburg

Die Wartburg bei Eisenach, @ 2017 Tina Eißner

Gott hatte für seinen Diener in dieser Stunde der Gefahr einen Weg der Rettung vorbereitet. Ein wachsames Auge war Luthers Schritten gefolgt, und ein treues und edles Herz hatte sich zu seiner Rettung entschlossen. Es war deutlich, daß Rom nichts Geringeres als seinen Tod fordern würde; nur indem er sich verbarg, konnte er vor dem Rachen des Löwen bewahrt werden. Gott gab Friedrich von Sachsen Weisheit, einen Plan zu entwerfen, der den Reformator am Leben erhalten sollte. Unter der Mitwirkung treuer Freunde wurde des Kurfürsten Absicht ausgeführt und Luther erfolgreich vor Freunden und Feinden verborgen. Auf seiner Heimreise wurde er gefangengenommen, von seinen Begleitern getrennt und in aller Eile durch die Wälder nach der Wartburg, einer einsamen Burgfeste, gebracht. Seine Gefangennahme und auch sein Verschwinden geschahen unter so geheimnisvollen Umständen, daß selbst Friedrich lange nicht wußte, wohin Luther entführt worden war. Mit voller Absicht blieb der Kurfürst in Unkenntnis; denn solange er von Luthers Aufenthalt nichts wußte, konnte er keine Auskunft geben. Er vergewisserte sich, daß der Reformator in Sicherheit war, und damit gab er sich zufrieden. {GK 168.3}

Wartburg bei Eisenach, @ 2017 Tina Eißner

Frühling, Sommer und Herbst gingen vorüber, der Winter kam, und Luther blieb noch immer ein Gefangener. Aleander und seine Anhänger frohlockten, daß das Licht des Evangeliums dem Verlöschen nahe schien. Statt dessen aber füllte der Reformator seine Lampe aus dem Vorratshaus der Wahrheit, damit ihr Licht um so heller leuchte. {GK 169.1}

In der freundlichen Sicherheit der Wartburg erfreute sich Luther eine Zeitlang eines Daseins ohne die Hitze und das Getümmel des Kampfes. Aber in der Ruhe und Stille konnte er nicht lange Befriedigung finden. An ein Leben der Tat und harten Kampfes gewöhnt, konnte er es schwer ertragen, untätig zu sein. In jenen einsamen Tagen vergegenwärtigte er sich den Zustand der Kirche, und er rief in seiner Not: „Aber, es ist niemand, der sich aufmache und zu Gott halte oder sich zur Mauer stelle für das Haus Israel an diesem letzten Tage des Zorns Gottes!“ (Enders, Bd. III, 148, 12.5.1521 an Melanchthon) Wiederum richteten sich seine Gedanken auf seine Person, und er fürchtete, er könnte durch seinen Rückzug vom Kampf der Feigheit beschuldigt werden. Dann machte er sich Vorwürfe wegen seiner Lässigkeit und Bequemlichkeit. Und doch vollbrachte er zur selben Zeit täglich mehr, als ein Mann zu leisten imstande schien. Seine Feder war nie müßig. Während seine Feinde sich schmeichelten, ihn zum Schweigen gebracht zu haben, wurden sie in Erstaunen versetzt und verwirrt durch handgreifliche Beweise seines Wirkens. Eine Fülle von Abhandlungen (Siehe Anm. 030), die aus seiner Feder flossen, machten die Runde durch ganz Deutschland. Vor allem leistete er seinen Landsleuten einen außerordentlich wichtigen Dienst, indem er das Neue Testament in die deutsche Sprache übersetzte. Auf seinem felsigen Patmos arbeitete er fast ein Jahr lang, durch Schriften das Evangelium zu verkündigen und die Sünden und Irrtümer der Zeit zu rügen. {GK 169.2}

Lutherstube

Lutherstube auf der Wartburg, Quelle: Wikipedia

Gott hatte seinen Diener dem Schauplatz des öffentlichen Lebens nicht nur deshalb entrückt, um ihn vor dem Zorn seiner Feinde zu bewahren oder um ihm für jene wichtigen Aufgaben eine Zeitlang Ruhe zu verschaffen. Köstlichere Erfolge als diese sollten erzielt werden. In der Einsamkeit und Verborgenheit seiner bergigen Zufluchtsstätte war Luther allen irdischen Stützen fern und ohne menschlichen Lobpreis. Somit blieb er vor Stolz und dem Auf-sich-selbst-Verlassen bewahrt, die so oft durch Erfolg verursacht werden. Durch Leiden und Demütigung wurde er vorbereitet, wiederum sicher die schwindelnden Höhen zu betreten, zu denen er so plötzlich erhoben worden war. {GK 170.1}

Wenn Menschen sich der Freiheit erfreuen, welche die Wahrheit ihnen bringt, sind sie geneigt, die zu verherrlichen, deren sich Gott bedient, um die Ketten des Irrtums und des Aberglaubens zu brechen. Satan versucht, der Menschen Gedanken und Neigungen von Gott abzuwenden und auf menschliche Werkzeuge zu richten. Er veranlaßt sie, das bloße Werkzeug zu ehren und die Hand, die alle Ereignisse der Vorsehung leitet, unbeachtet zu lassen. Nur zu oft verlieren religiöse Verantwortungsträger, die auf diese Weise gepriesen und verehrt werden, ihre Abhängigkeit von Gott aus den Augen und verlassen sich auf sich selbst. Sie suchen dann die Gemüter und Gewissen des Volkes zu beherrschen, das eher bereit ist, auf sie, statt auf das Wort Gottes zu sehen. Das Werk einer Umgestaltung wird oft gehemmt, weil dieser Geist von ihren Anhängern genährt wird. Vor dieser Gefahr wollte Gott die Reformation bewahren. Er wünschte, dieses Werk solle sein Gepräge nicht durch Menschen, sondern durch ihn selbst erhalten. Die Augen der Menschen hatten sich auf Luther, den Ausleger der Wahrheit, gewandt; dieser trat nun zurück, damit sich all unser Schauen auf den Einen richten kann, in dem die Wahrheit gegründet ist. {GK 170.2}

aus „Der Große Kampf“, von Ellen G. White, S.145-170, Saatkornverlag Hamburg, 1973; Herausgeber der hier verwendeten digitalen Ausführung: Ellen G. White Estate, Inc.; auch Lesen bei www.egwwritings.org

Das Verhör zu Augsburg

Augsburg war als Ort des Verhörs bestimmt worden. Der Reformator trat die Reise zu Fuß an. Man hegte seinetwegen ernste Befürchtungen. Es war ihm öffentlich gedroht worden, daß er auf dem Wege ergriffen und ermordet würde, und seine Freunde baten ihn, sich dem nicht auszusetzen. Sie drangen sogar in ihn, Wittenberg eine Zeitlang zu verlassen und sich dem Schutz derer anzuvertrauen, die ihn bereitwillig beschirmen würden. Er aber wollte den Platz nicht verlassen, auf den Gott ihn gestellt hatte. Ungeachtet der über ihn hereinbrechenden Stürme mußte er getreulich die Wahrheit weiterführen. Er sagte sich: „Ich bin mit Jeremia gänzlich der Mann des Haders und der Zwietracht … je mehr sie drohen, desto freudiger bin ich … mein Name und Ehre muß auch jetzt gut herhalten; also ist mein schwacher und elender Körper noch übrig, wollen sie den hinnehmen, so werden sie mich etwa um ein paar Stunden Leben ärmer machen, aber die Seele werden sie mir doch nicht nehmen … wer Christi Wort in die Welt tragen will, muß mit den Aposteln stündlich gewärtig sein, mit Verlassung und Verleugnung aller Dinge den Tod zu leiden.“ (Enders, Bd.I. S.211f., 10.7.1518) {GK 134.3}

Plan_Augsburg_1550 klein

Stadtplan von Augsburg, 1550

Die Nachricht von Luthers Ankunft in Augsburg erfüllte den päpstlichen Gesandten mit großer Genugtuung. Der unruhestiftende Ketzer, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte, schien nun in der Gewalt Roms zu sein, und der Legat war entschlossen, ihn nicht entrinnen zu lassen. Der Reformator hatte versäumt, sich mit einem Sicherheitsgeleit zu versehen. Seine Freunde überredeten ihn, nicht ohne Geleit vor dem Gesandten zu erscheinen, und versuchten, ihm eins vom Kaiser zu verschaffen. Der Vertreter Roms hatte die Absicht, Luther — wenn möglich — zum Widerruf zu zwingen oder, falls ihm dies nicht gelänge, ihn nach Rom bringen zu lassen, damit er dort das Schicksal eines Hus und Hieronymus teile. Deshalb versuchte er durch seine Beauftragten Luther zu bewegen, ohne Sicherheitsgeleit zu erscheinen und sich seiner Gnade anzuvertrauen. Der Reformator lehnte dies jedoch ab und erschien nicht eher vor dem päpstlichen Gesandten, bis er den Brief, der den Schutz des Kaisers verbürgte, erhalten hatte. {GK 135.1}

Klüglich hatten sich die Römlinge entschlossen, Luther durch scheinbares Wohlwollen zu gewinnen. Der Legat zeigte sich in seinen Unterredungen mit ihm sehr freundlich, verlangte aber, daß Luther sich der Autorität der Kirche bedingungslos unterwerfen und in jedem Punkt ohne Beweis oder Frage nachgeben solle. Er hatte den Charakter des Mannes, mit dem er verhandelte, nicht richtig eingeschätzt. Luther drückte in Erwiderung seine Achtung vor der Kirche aus, sein Verlangen nach der Wahrheit, seine Bereitwilligkeit, alle Einwände gegen das, was er gelehrt hatte, zu beantworten und seine Lehren dem Entscheid gewisser führender Universitäten zu unterbreiten. Gleichzeitig aber protestierte er gegen die Verfahrensweise des Kardinals, von ihm einen Widerruf zu verlangen, ohne ihm den Irrtum bewiesen zu haben. {GK 135.2}

Die einzige Antwort war: „Widerrufe! Widerrufe!“ Der Reformator berief sich auf die Heilige Schrift und erklärte entschlossen, daß er die Wahrheit nicht aufgeben könne. Der Legat, den Beweisführungen Luthers nicht gewachsen, überhäufte ihn so mit Vorwürfen, Spott und Schmeicheleien, vermengt mit Zitaten der Kirchenväter und aus der Überlieferung, daß der Reformator nicht recht zu Worte kam. Luther, der die Nutzlosigkeit einer derartigen Unterredung einsah, erhielt schließlich die mit Widerstreben erteilte Erlaubnis, seine Verteidigung schriftlich einzureichen. {GK 135.3}

Dadurch erzielte Luther trotz seiner Bedrückung einen doppelten Gewinn. Er konnte seine Verteidigung der ganzen Welt zur Beurteilung unterbreiten und auch besser durch eine gutausgearbeitete Schrift auf das Gewissen und die Furcht eines anmaßenden und geschwätzigen Tyrannen einwirken, der ihn immer wieder überschrie. (Luther, EA, XVII 209; L III 3f.) {GK 136.1}

Kardinal Thomas Cajetan

Cardinal Cajetan, Ausschnitt aus Gemälde „Luther vor Cajetan“ von Ferdinand Wilhelm Pauwels, 1872

Bei der nächsten Zusammenkunft gab Luther eine klare, gedrängte und eindrucksvolle Erklärung ab, die er durch viele Schriftstellen begründete, und überreichte sie dann dem Kardinal. Dieser warf sie jedoch verächtlich beiseite mit der Bemerkung, sie enthalte nur eine Menge unnütze Worte und unzutreffender Schriftstellen. Luther, dem jetzt die Augen aufgegangen waren, begegnete dem überheblichen Prälaten auf dessen ureigenstem Gebiet, den Überlieferungen und Lehren der Kirche, und widerlegte dessen Darlegungen gründlich und völlig. {GK 136.2}

Als der Prälat sah, daß Luthers Gründe unwiderlegbar waren, verlor er seine Selbstbeherrschung und rief zornig aus: „Widerrufe!“ Wenn er dies nicht sofort täte oder in Rom sich seinen Richtern stellte, so würde er über ihn und alle, die ihm gewogen seien, den Bannfluch, und über alle, zu denen er sich hinwendete, das kirchliche Interdikt verhängen. Zuletzt erhob sich der Kardinal mit den Worten: „Geh! widerrufe oder komm mir nicht wieder vor die Augen.“ (Luther, EA, LXIV 361-365; LXII 71f.) {GK 136.3}

Der Reformator zog sich sofort mit seinen Freunden zurück und gab deutlich zu verstehen, daß man keinen Widerruf von ihm erwarten könne. Das entsprach keineswegs der Hoffnung des Kardinals. Er hatte sich geschmeichelt, mit Gewalt und Einschüchterung zur Unterwerfung zwingen zu können. Mit seinen Helfern jetzt allein gelassen, blickte er höchst ärgerlich über das unerwartete Mißlingen seiner Anschläge von einem zum andern. {GK 136.4}

Luthers Bemühungen bei diesem Anlaß waren nicht ohne gute Folgen. Die anwesende große Versammlung hatte Gelegenheit die beiden Männer zu vergleichen und sich selbst ein Urteil zu bilden über den Geist, der sich in ihnen offenbarte, und über die Stärke und die Wahrhaftigkeit ihrer Stellung. Welch bezeichnender Unterschied! Luther, einfach, bescheiden, entschieden, stand da in der Kraft Gottes, die Wahrheit auf seiner Seite; der Vertreter des Papstes, eingebildet, anmaßend, hochmütig und unverständig, ohne auch nur einen einzigen Beweis aus der Heiligen Schrift, laut schreiend: Widerrufe oder du wirst nach Rom geschickt werden, um dort die verdiente Strafe zu erleiden! {GK 136.5}

Das Sicherheitsgeleit Luthers nicht achten wollend, planten die Römlinge, ihn zu ergreifen und einzukerkern. Seine Freunde baten ihn dringend, da es für ihn nutzlos sei, seinen Aufenthalt zu verlängern, ohne Aufschub nach Wittenberg zurückzukehren, dabei aber äußerst vorsichtig zu Werke zu gehen, um seine Absichten zu verbergen. Demgemäß verließ er Augsburg vor Tagesanbruch zu Pferde, nur von einem Führer geleitet, der ihm vom Stadtoberhaupt zur Verfügung gestellt wurde. Unter trüben Ahnungen nahm er heimlich seinen Weg durch die dunklen, stillen Straßen der Stadt, sannen doch wachsame und grausame Feinde auf seinen Untergang! Würde er den ausgelegten Schlingen entrinnen? Dies waren Augenblicke der Besorgnis und ernsten Gebets. Er erreichte ein kleines Tor in der Stadtmauer. Man öffnete ihm, und ohne gehindert zu werden, zog er mit seinem Führer hinaus. Sich außerhalb des Stadtbezirks sicherer fühlend, beschleunigten die Flüchtlinge ihren Ritt, und ehe noch der Legat von Luthers Abreise Kenntnis erhielt, befand dieser sich außerhalb des Bereiches seiner Verfolger. Satan und seine Abgesandten waren überlistet. Der Mann, den sie in ihrer Gewalt glaubten, war entkommen wie der Vogel den Schlingen des Voglers. {GK 137.1}

Die Nachricht von Luthers Flucht überraschte und ärgerte den Legaten. Er hatte erwartet, für die Klugheit und Entschiedenheit bei seinen Verhandlungen mit diesem Unruhestifter in der Kirche große Ehren zu empfangen, fand sich jedoch in seiner Hoffnung getäuscht. Er gab seinem Zorn in einem Brief an den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich den Weisen, Ausdruck, in dem er Luther bitter anschuldigte und verlangte, Friedrich solle den Reformator nach Rom senden oder aus Sachsen verbannen. {GK 137.2}

Zu seiner Rechtfertigung verlangte Luther, daß der Legat oder der Papst ihn seiner Irrtümer aus der Heiligen Schrift überführen solle, und verpflichtete sich feierlichst, seine Lehren zu widerrufen, falls nachgewiesen werden könne, daß sie dem Worte Gottes widersprächen. Er dankte Gott, daß er für würdig erachtet worden sei, um einer so heiligen Sache willen zu leiden. {GK 138.1}

friedrich der weise ad 350

Friedrich der Weise, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1524, Quelle: Wikipedia

Der Kurfürst wußte bis dahin nur wenig von den reformierten Lehren; aber die Aufrichtigkeit, die Kraft und die Klarheit der Worte Luthers machten einen tiefen Eindruck auf ihn, und er beschloß, so lange als des Reformators Beschützer aufzutreten, bis dieser des Irrtums überführt würde. Als Erwiderung auf die Forderung des päpstlichen Gesandten schrieb er: „Weil der Doktor Martinus vor euch zu Augsburg erschienen ist, so könnt ihr zufrieden sein. Wir haben nicht erwartet, daß ihr ihn, ohne ihn widerlegt zu haben, zum Widerruf zwingen wollt. Kein Gelehrter in unseren Fürstenhäusern hat behauptet, daß die Lehre Martins gottlos, unchristlich und ketzerisch sei.“ (1
Luther, EA, op. lat. XXXIII 409f.; D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 4.Buch, 10.Abschnitt) Der Fürst weigerte sich, Luther nach Rom zu schicken oder ihn aus seinem Lande zu vertreiben. {GK 138.2}

Der Kurfürst sah, daß die sittlichen Schranken der Gesellschaft allgemein zusammenbrachen. Eine große Reform war nötig geworden. Die verwickelten und kostspieligen polizeilichen und juristischen Einrichtungen wären unnötig, wenn die Menschen Gottes Gebote und die Vorschriften eines erleuchteten Gewissens anerkennten und ihnen Gehorsam leisteten. Er sah, daß Luther darauf hinarbeitete, dieses Ziel zu erreichen, und er freute sich heimlich, daß ein besserer Einfluß in der Kirche fühlbar wurde. {GK 138.3}

Er sah auch, daß Luther als Professor an der Universität ungemein erfolgreich war. Nur ein Jahr war verstrichen, seit der Reformator seine Thesen an die Schloßkirche geschlagen hatte; die Zahl der Pilger, welche die Kirche aus Anlaß des Allerheiligenfestes besuchten, war geringer geworden. Rom war seiner Anbeter und Opfergaben beraubt worden; aber ihr Platz wurde von einer andern Gruppe eingenommen, die jetzt nach Wittenberg kam — es waren nicht etwa Pilger, die hier Reliquien verehren wollten, sondern Studenten, die die Hörsäle füllten. Luthers Schriften hatten überall ein neues Verlangen nach der Heiligen Schrift wachgerufen, und nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus andern Ländern strömten der Universität Studenten zu. Jünglinge, die zum erstenmal der Stadt Wittenberg ansichtig wurden, „erhoben die Hände gen Himmel, lobten Gott, daß er wie einst in Zion das Licht der Wahrheit leuchten lasse und es in die fernsten Lande schicke.“ (D‘Aubigné, ebd.) {GK 138.4}

Luther sagte: „Ich sah damals noch sehr wenige Irrtümer des Papstes.“ (Luther, EA, LXII 73) Als er aber Gottes Wort mit den päpstlichen Erlassen verglich, schrieb er voll Erstaunen: „Ich gehe die Dekrete der Päpste für meine Disputation durch und bin — ich sage dir‘s ins Ohr — ungewiß, ob der Papst der Antichrist selbst ist oder ein Apostel des Antichrist; elendiglich wird Christus, d.h. die Wahrheit von ihm in den Dekreten gekreuzigt.“1 Aber noch immer war Luther ein Anhänger der römischen Kirche und dachte nicht daran, sich von ihr leichtfertig und unüberlegt zu trennen. {GK 139.1}

Die Schriften und Lehren des Reformators gingen zu allen Nationen der Christenheit. Das Werk dehnte sich bis in die Schweiz und nach Holland aus. Abschriften seiner Werke fanden ihren Weg nach Frankreich und Spanien. In England wurden seine Lehren als das Wort des Lebens aufgenommen. Auch nach Belgien und Italien drang die Wahrheit. Tausende erwachten aus einer todesähnlichen Erstarrung zu der Freude und Hoffnung eines Glaubenslebens. {GK 139.2}

Die Angriffe Luthers erbitterten Rom mehr und mehr, und einige seiner fanatischen Gegner, ja selbst Doktoren katholischer Universitäten erklärten, daß, wer Luther ermorde, keine Sünde begehe. Eines Tages näherte sich dem Reformator ein Fremder, der eine Pistole unter dem Mantel verborgen hatte, und fragte ihn, warum er so allein gehe. „Ich stehe in Gottes Hand“, antwortete Luther. „Er ist meine Kraft und mein Schild. Was kann mir ein Mensch tun?“ (Luther, EA, LXIV 365f.) Als der Unbekannte diese Worte hörte, erblaßte er und floh wie vor himmlischen Engeln. {GK 139.3}

Rom hatte die Vernichtung Luthers beschlossen; aber Gott war seine Wehr. Überall vernahm man seine Lehren, „in Hütten und Klöstern, in Ritterburgen, in Akademien und königlichen Palästen“; und überall erhoben sich edle, aufrichtige Männer, um seine Anstrengungen zu unterstützen. {GK 139.4}

Um diese Zeit las Luther Hus‘ Werke und als er dabei fand, daß auch der böhmische Reformator die große Wahrheit der Rechtfertigung durch den Glauben hochgehalten hatte, schrieb er: „Ich habe bisher unbewußt alle seine Lehren vorgetragen und behauptet … Wir sind Hussiten, ohne es zu wissen; schließlich sind auch Paulus und Augustin bis aufs Wort Hussiten. Ich weiß vor starrem Staunen nicht, was ich denken soll, wenn ich die schrecklichen Gerichte Gottes in der Menschheit sehe, daß die offenkundige evangelische Wahrheit schon seit über hundert Jahren öffentlich verbrannt ist und für verdammt gilt.“ (Enders, Bd. II 345, Februar 1520) {GK 140.1}

Wittenberg, Kupferstich

In einem Sendbrief an den Kaiser und den christlichen Adel deutscher Nation zur Besserung des christlichen Standes schrieb Luther über den Papst: „Es ist greulich und erschrecklich anzusehen, daß der Oberste in der Christenheit, der sich Christi Statthalter und Petri Nachfolger rühmt, so weltlich und prächtig fährt, daß ihn darin kein König, kein Kaiser mag erlangen und gleich werden … Gleicht sich das mit dem armen Christus und St. Peter, so ist‘s ein neues Gleichen.“ „Sie sprechen, er sei ein Herr der Welt; das ist erlogen, denn Christus, des Statthalter und Amtmann er sich rühmet, sprach vor Pilatus: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt‘. Es kann doch kein Statthalter weiter regieren denn sein Herr.“ (Luther, „Ausgewählte Werke“, Bd II, München, 1948; D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 6.Buch, 3.Abschnitt, 77,81, Stuttgart, 1848) {GK 140.2}

Von den Universitäten schrieb er folgendes: „Ich habe große Sorge, die hohen Schulen seien große Pforten der Hölle, so sie nicht emsiglich die Heilige Schrift üben und treiben ins junge Volk.“ „Wo aber die Heilige Schrift nicht regiert, da rate ich fürwahr niemand, daß er sein Kind hintue. Es muß verderben alles, was nicht Gottes Wort ohne Unterlaß treibt.“ (Luther, „Ausgewählte Werke“, Bd II, München, 1948; D‘Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 6.Buch, 3.Abschnitt, 77,81, Stuttgart, 1848) {GK 140.3}

Dieser Aufruf verbreitete sich mit Windeseile über ganz Deutschland und übte einen mächtigen Einfluß auf das Volk aus. Die ganze Nation war in Erregung und große Scharen wurden angetrieben, sich um die Fahne der Reformation zu sammeln. Luthers Gegner drangen voller Rachegelüste in den Papst, entscheidende Maßnahmen gegen ihn zu treffen. Es wurde beschlossen, Luthers Lehren sofort zu verdammen. Sechzig Tage wurden dem Reformator und seinen Anhängern gewährt, zu widerrufen; nach dieser Zeit sollten sie sonst aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden. {GK 140.4}

Dies war die Zeit einer großen Entscheidung für die Reformation. Jahrhundertelang hatte Rom durch das Verhängen des Kirchenbannes mächtigen Monarchen Schrecken eingeflößt und gewaltige Reiche mit Elend und Verwüstung erfüllt. Alle von Roms Fluch Betroffenen wurden allgemein mit Furcht und Entsetzen angesehen; sie wurden von dem Verkehr mit ihren Glaubensbrüdern ausgeschlossen und als Geächtete behandelt, die man hetzen müsse, bis sie ausgerottet seien. Luther war nicht blind gegen den über ihn hereinbrechenden Sturm; aber er stand fest, vertrauend auf Christus, der sein Helfer und sein Schirm sei. Mit dem Glauben und dem Mut eines Märtyrers schrieb er: „Wie soll es werden? Ich bin blind für die Zukunft und nicht darum besorgt sie zu wissen … Wohin der Schlag fällt, wird mich ruhig lassen … Kein Baumblatt fällt auf die Erde ohne den Willen des Vaters, wieviel weniger wir … Es ist ein geringes, daß wir um des Wortes willen sterben oder umkommen, da er selbst im Fleisch erst für uns gestorben ist. Also werden wir mit demselben aufstehen, mit welchem wir umkommen und mit ihm durchgehen, wo er zuerst durchgegangen ist, daß wir endlich dahin kommen, wohin er auch gekommen ist und bei ihm bleiben ewiglich.“ (Enders, Bd. II 484,485, 1.10.1520; D‘Aubigné, ebd., 6.Buch, Kapitel 1. S.113) {GK 141.1}

Bannandrohungsbulle Leo X. an Luther, 1520

Als die päpstliche Bulle Luther erreichte, schrieb er: „Endlich ist die römische Bulle mit Eck angekommen … Ich verlache sie nur und greife sie jetzt als gottlos und lügenhaft ganz eckianisch an. Ihr sehet, daß Christus selbst darin verdammt werde … Ich freue mich aber doch recht herzlich, daß mir um der besten Sache willen Böses widerfahre … Ich bin nun viel freier, nachdem ich gewiß weiß, daß der Papst als der Antichrist und des Satans Stuhl offenbarlich erfunden sei.“ (Enders, Bd. II 491, 12.10.1520) {GK 141.2}

Doch der Erlaß Roms blieb nicht wirkungslos. Gefängnis, Folter und Schwert erwiesen sich als mächtige Waffen, um Gehorsam zu erzwingen. Schwache und Abergläubische erzitterten vor dem Erlaß des Papstes. Während man Luther allgemein Teilnahme bekundete hielten doch viele ihr Leben für zu kostbar, um es für die Reformation zu wagen. Alles schien darauf hinzudeuten, daß sich das Werk des Reformators seinem Abschluß näherte. {GK 141.3}

Luther aber blieb noch immer furchtlos. Rom hatte seine Bannflüche gegen ihn geschleudert, und die Welt schaute zu in der sicheren Erwartung, daß er verderben oder sich unterwerfen müsse. Doch mit schrecklicher Gewalt schleuderte er das Verdammungsurteil auf seinen Urheber zurück und erklärte öffentlich seinen Entschluß, auf immer mit Rom zu brechen. In Gegenwart einer großen Anzahl von Studenten, Gelehrten und Bürgersleuten jeglichen Ranges verbrannte Luther die päpstliche Bulle, auch die Dekretalien und andere Schriftstücke seiner Gegner, die Roms Macht unterstützten. Er begründete sein Vorgehen mit den Worten: „Dieweil durch ihr solch Bücherverbrennen der Wahrheit ein großer Nachteil und bei dem schlechten, gemeinen Volk ein Wahn dadurch erfolgen möchte zu vieler Seelen Verderben, habe ich … der Widersacher Bücher wiederum verbannt.“ „Es sollen diese ein Anfang des Ernstes sein; denn ich bisher doch nur gescherzt und gespielt habe mit des Papstes Sache. Ich habe es in Gottes Namen angefangen; hoffe, es sei an der Zeit, daß es auch in demselben ohne mich sich selbst ausführe.“ (Luther, EA, XXIV 155,164) {GK 142.1}

Auf die Vorwürfe seiner Feinde, die ihn mit der Schwäche seiner Sache stichelten, erwiderte Luther: „Wer weiß, ob mich Gott dazu berufen und erweckt hat und ihnen zu fürchten ist, daß sie nicht Gott in mir verachten … Mose war allein im Ausgang von Ägypten, Elia allein zu König Ahabs Zeiten, Elisa auch allein nach ihm; Jesaja war allein in Jerusalem … Hesekiel allein zu Babylon … Dazu hat er noch nie den obersten Priester oder andere hohe Stände zu Propheten gemacht; sondern gemeiniglich niedrige, verachtete Personen auferweckt, auch zuletzt den Hirten Amos … Also haben die lieben Heiligen allezeit wider die Obersten, Könige, Fürsten, Priester, Gelehrten predigen und schelten müssen, den Hals daran wagen und lassen … Ich sage nicht, daß ich ein Prophet sei; ich sage aber, daß ihnen so vielmehr zu fürchten ist, ich sei einer, so vielmehr sie mich verachten und sich selbst achten … so bin ich jedoch gewiß für mich selbst, daß das Wort Gottes bei mir und nicht bei ihnen ist.“ (Luther, EA, XXIV 58.59) {GK 142.2}

 

Aber nicht ohne gewaltigen inneren Kampf entschloß sich Luther schließlich zu einer Trennung von Rom. Etwa um diese Zeit schrieb er: „Ich empfinde täglich bei mir, wie gar schwer es ist, langwährige Gewissen, und mit menschlichen Satzungen gefangen, abzulegen. Oh, mit wie viel großer Mühe und Arbeit, auch durch gegründete Heilige Schrift, habe ich mein eigen Gewissen kaum können rechtfertigen, daß ich einer allein wider den Papst habe dürfen auftreten, ihn für den Antichrist halten … Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft, und mir vorgeworfen ihr einig stärkstes Argument: Du bist allein klug? Sollten die andern alle irren, und so eine lange Zeit geirrt haben? Wie, wenn du irrest und so viele Leute in den Irrtum verführest, welche alle ewiglich verdammt würden? Bis so lang, daß mich Christus mit seinem einigen gewissen Wort befestigt und bestätigt hat, daß mein Herz nicht mehr zappelt.“ (Luther, EA, LIII 93,94; Martyn, „Life and Times of Luther“ 372,373) {GK 143.1}

Luther verbrennt die päpstliche Bannbulle, Gemälde von Paul Thurmann, 1872-73

Luther verbrennt die päpstliche Bannbulle, Gemälde von Paul Thurmann, 1872-73

Der Papst hatte Luther den Kirchenbann angedroht, falls er nicht widerrufen sollte, und die Drohung wurde jetzt ausgeführt. Eine neue Bulle erschien, welche die endgültige Trennung des Reformators von der römischen Kirche aussprach, ihn als vom Himmel verflucht erklärte und in die gleiche Verdammung alle einschloß, die seine Lehren annehmen würden. Der große Kampf hatte nun mit aller Gewalt begonnen. {GK 143.2}

Widerstand ist das Schicksal aller, die Gott benutzt, um Wahrheiten, die besonders für ihre Zeit gelten, zu verkündigen. Es gab eine gegenwärtige Wahrheit in den Tagen Luthers — eine Wahrheit, die zu jener Zeit von besonderer Wichtigkeit war; es gibt auch eine gegenwärtige Wahrheit für die heutige Kirche. Gott, der alles nach dem Rat seines Willens vollzieht, hat es gefallen, die Menschen in verschiedene Verhältnisse zu bringen und ihnen Pflichten aufzuerlegen, die der Zeit, in der sie leben, und den Umständen, in denen sie sich befinden, entsprechen. Würden sie das ihnen verliehene Licht wertschätzen, so würde ihnen auch die Wahrheit in höherem Maße offenbart werden. Aber die Mehrzahl der Menschen begehrt die Wahrheit heutzutage ebensowenig zu wissen wie damals die Römlinge, die Luther widerstanden. Es besteht noch heute die gleiche Neigung wie in früheren Zeiten, statt des Wortes Gottes Überlieferungen und menschliche Theorien anzunehmen. Wer die Wahrheit für diese Zeit bringt, darf nicht erwarten, eine günstigere Aufnahme zu finden als die früheren Reformatoren. Der große Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Christus und Satan wird bis zum Ende der Geschichte dieser Welt an Heftigkeit zunehmen. {GK 143.3}

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt. Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: ‚Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr.‘ Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“ Johannes 15,19.20. Anderseits erklärte unser Heiland deutlich: „Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Desgleichen taten ihre Väter den falschen Propheten auch.“ Lukas 6,26. Der Geist der Welt steht heute dem Geist Christi nicht näher als in früheren Zeiten. Wer das Wort Gottes in seiner Reinheit verkündigt, wird heute nicht willkommener sein als damals. Die Art und Weise des Widerstandes gegen die Wahrheit mag sich ändern, die Feindschaft mag weniger offen sein, weil sie verschlagener ist; aber dieselbe Feindschaft besteht noch und wird bis zum Ende der Zeit sichtbar sein. {GK 144.1}

aus „Der Große Kampf“, von Ellen G. White, S.134-144, Saatkornverlag Hamburg, 1973; Herausgeber der hier verwendeten digitalen Ausführung: Ellen G. White Estate, Inc. www.egwwriting.org; weiterlesen bei www.egwwritings.org

Der Kampf beginnt

Obwohl Luther vom Geist Gottes getrieben worden war, sein Werk zu beginnen, sollte er es doch nicht ohne schwere Kämpfe fortführen. Die Vorwürfe seiner Feinde, ihre Mißdeutung seiner Absichten und ihre ungerechten und boshaften Bemerkungen über seinen Charakter und seine Beweggründe ergossen sich gleich einer überstürzenden Flut über ihn und blieben nicht ohne Wirkung. Er hatte zuversichtlich damit gerechnet, daß die Führer des Volkes sowohl in der Kirche als auch in der Universität sich ihm bereitwillig in seinen Bemühungen zugunsten der Reformation anschließen würden. Ermutigende Worte von hochgestellten Persönlichkeiten hatten ihm Freude und Hoffnung eingeflößt. In der Vorahnung hatte er bereits einen helleren Tag für die Gemeinde anbrechen sehen. Doch die Ermutigung verwandelte sich in Vorwurf und Verurteilung. Viele staatliche und kirchliche Würdenträger waren von der Wahrheit seiner Thesen überzeugt; aber sie sahen bald, daß die Annahme dieser Wahrheiten große Umwälzungen mit sich bringen würden. Das Volk zu erleuchten und umzugestalten hieße in Wirklichkeit die Autorität Roms zu untergraben, Tausende von Strömen, die nun in seine Schatzkammer flossen, aufzuhalten und auf diese Weise die Verschwendung und den Aufwand der Herren Roms in hohem Grade zu beschränken. Noch mehr: Das Volk zu lehren, als verantwortliche Geschöpfe zu denken und zu handeln und allein auf Christus zu blicken, um selig zu werden, würde den Thron des Papstes stürzen und am Ende auch die Autorität seiner Würdenträger zugrunde richten. Aus dieser Ursache heraus wiesen sie die von Gott dargebotene Erkenntnis zurück und erhoben sich durch ihren Widerstand gegen den Mann, den Gott zu ihrer Erleuchtung gesandt hatte, wider Christus und die Wahrheit. {GK 131.1; GC.131.2}

schlosskirche_wittenberg-350

Schlosskirche zu Wittenberg, Quelle: Wikipedia

Luther zitterte, als er auf sich sah, „mehr eine Leiche, denn einem Menschen gleich“, den gewaltigsten Mächten der Erde gegenübergestellt. Zuweilen zweifelte er, ob ihn der Herr in seinem Widerstand wider die Autorität der Kirche wirklich leitete. Er schrieb: „Wer war ich elender, verachteter Bruder dazumal, der sich sollte wider des Papstes Majestät setzen, vor welcher die Könige auf Erden und der ganze Erdboden sich entsetzten und allein nach seinen Winken sich mußten richten? Was mein Herz in jenen zwei Jahren ausgestanden und erlitten habe und in welcherlei Demut, ja Verzweiflung ich da schwebte, ach! da wissen die sichern Geister wenig von, die hernach des Papstes Majestät mit großem Stolz und Vermessenheit angriffen.“ (Seckendorff, „Commentarius historicus et apologeticus de Lutheranismo seu de reformatione“, Bd. I 119f.) Doch er wurde nicht gänzlich entmutigt. Fehlten menschliche Stützen, so schaute er auf Gott allein und lernte, daß er sich in vollkommener Sicherheit auf dessen allmächtigen Arm verlassen konnte. {GK 131.2; GC.132.1}

Einem Freund der Reformation schrieb Luther: „Es ist vor allem gewiß, daß man die Heilige Schrift weder durch Studium noch mit dem Verstand erfassen kann. Deshalb ist es zuerst Pflicht, daß du mit dem Gebet beginnst und den Herrn bittest, er möge dir zu seiner Ehre, nicht zu deiner, in seiner großen Barmherzigkeit das wahre Verständnis seiner Worte schenken. Das Wort Gottes wird uns von seinem Urheber ausgelegt, wie er sagt, daß sie alle von Gott gelehrt sind. Hoffe deshalb nichts von deinem Studium und Verstand; vertraue allein auf den Einfluß des Geistes. Glaube meiner Erfahrung.“ (Enders, Bd.I 142, 18.Januar 1518) Hier wird eine außerordentlich wichtige Erfahrung mitgeteilt für alle, die sich von Gott berufen fühlen, andern die ernsten Wahrheiten für die gegenwärtige Zeit zu verkündigen. Diese Wahrheiten erregen die Feindschaft Satans und der Menschen, welche die Fabeln lieben, die er erdichtet hat. Zum Kampf mit den bösen Mächten ist mehr vonnöten als Verstandeskraft und menschliche Weisheit. {GK 132.1; GC.132.2}

Luther mit Doktorhut, Kupferstich von Lukas Cranach d.Ä., 1521

Beriefen sich die Gegner auf Gebräuche und Überlieferungen oder auf die Behauptungen und die Autorität des Papstes, so trat Luther ihnen mit der Bibel, nur mit der Bibel entgegen. Darin standen Beweisführungen, die sie nicht widerlegen konnten; deshalb schrien die Sklaven des Formenwesens und des Aberglaubens nach seinem Blut, wie die Juden nach dem Blut Christi geschrien hatten. „Er ist ein Ketzer!“ riefen die römischen Eiferer. „Es ist Hochverrat gegen die Kirche, wenn ein so schändlicher Ketzer noch eine Stunde länger lebt. Auf den Scheiterhaufen mit ihm!“ (Seckendorff, ebd. S.104) Aber Luther fiel ihrer Wut nicht zum Opfer. Gott hatte eine Aufgabe für ihn bereit, und himmlische Engel wurden ausgesandt, ihn zu beschützen. Viele jedoch, die von Luther das köstliche Licht empfangen hatten, wurden die Zielscheibe der Wut Satans und erlitten um der Wahrheit willen furchtlos Marter und Tod. {GK 132.2; GC.132.3}

Luthers Lehren zogen die Aufmerksamkeit denkender Geister in ganz Deutschland auf sich. Seine Predigten und Schriften verbreiteten Lichtstrahlen, die Tausende erschreckten und erleuchteten. Ein lebendiger Glaube trat an die Stelle toten Formenwesens, in welchem die Kirche so lange gehalten worden war. Das Volk verlor täglich mehr das Zutrauen zu den abergläubischen Lehren der römischen Religion. Die Schranken des Vorurteils gaben nach. Das Wort Gottes, nach dem Luther jede Lehre und jede Behauptung prüfte, war gleich einem zweischneidigen Schwert, das sich seinen Weg in die Herzen des Volkes bahnte. Überall erwachte das Verlangen nach geistlichem Wachstum; überall entstand ein so großer Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, wie man ihn seit Jahrhunderten nicht gekannt hatte. Die bis dahin auf menschliche Gebräuche und irdische Vermittler gerichteten Blicke des Volkes wandten sich nun reuevoll und gläubig auf Christus, den Gekreuzigten. {GK 133.1; GC.133.1}

Dieses weitverbreitete Heilsverlangen erweckte noch mehr die Furcht der päpstlichen Autoritäten. Luther erhielt eine Vorladung, in Rom zu erscheinen, um sich gegen die Beschuldigung, Ketzerei getrieben zu haben, zu verantworten. Diese Aufforderung erfüllte seine Freunde mit Schrecken. Sie kannten nur zu gut die Gefahr, die ihm in jener verderbten, vom Blut der Zeugen Jesu trunkenen Stadt drohte. Sie erhoben Einspruch gegen seine Reise nach Rom und befürworteten ein Gesuch, ihn in Deutschland verhören zu lassen. {GK 133.2; GC.133.2}

Ausschnitt aus dem Gemälde von Ferdinand Pauwels „Luther vor Cajetan“, 1872

Dies wurde schließlich genehmigt und der päpstliche Gesandte Cajetan dazu bestimmt, den Fall anzuhören. In den ihm mitgegebenen Anweisungen hieß es, daß Luther bereits als Ketzer erklärt worden sei. Der päpstliche Gesandte wurde deshalb beauftragt, „ihn zu verfolgen und unverzüglich in Haft zu nehmen“. Falls Luther standhaft bliebe oder der Legat seiner nicht habhaft würde, war der Vertreter Roms bevollmächtigt, ihn an allen Orten Deutschlands zu ächten, zu verbannen, zu verfluchen und alle seine Anhänger in den Bann zu tun. (Luther, EA, op. lat. XXXIII 354f.) Um die pestartige Ketzerei auszurotten, befahl der Papst seinem Gesandten, außer dem Kaiser alle ohne Rücksicht auf ihr Amt in Kirche und Staat in die Acht zu erklären, falls sie es unterließen, Luther und seine Anhänger zu ergreifen und der Rache Roms auszuliefern. {GK 133.3; GC.133.3}

Hier zeigte sich der wahre Geist des Papsttums. Nicht ein Anzeichen christlicher Grundsätze oder auch nur gewöhnlicher Gerechtigkeit war aus dem ganzen Schriftstück ersichtlich. Luther war weit von Rom entfernt; ihm war keine Gelegenheit gegeben gewesen, seinen Standpunkt zu erklären oder zu verteidigen, sondern er war, bevor man seinen Fall untersucht hatte, ohne weiteres als Ketzer erklärt und am selben Tag ermahnt, angeschuldigt, gerichtet und verurteilt worden, und zwar von dem, der sich selbst „Heiliger Vater“ nannte, der alleinigen höchsten, unfehlbaren Autorität in Kirche und Staat! {GK 134.1; GC.134.1}

Phillip Melanchthon, Lukas Cranach d.Ä., 1537

Um diese Zeit, da Luther der Liebe und des Rates eines treuen Freundes so sehr bedurfte, sandte Gottes Vorsehung Melanchthon nach Wittenberg. Jung an Jahren, bescheiden und zurückhaltend in seinem Benehmen, gewannen Melanchthons gesundes Urteil, umfassendes Wissen und gewinnende Beredsamkeit im Verein mit der Reinheit und Redlichkeit seines Charakters ihm allgemeine Achtung und Bewunderung. Seine glänzenden Talente waren nicht bemerkenswerter als die Sanftmut seines Gemüts. Er wurde bald ein eifriger Jünger des Evangeliums und Luthers vertrautester Freund und wertvollster Helfer; seine Sanftmut, Vorsicht und Genauigkeit ergänzten Luthers Mut und Tatkraft. Ihr vereintes Wirken gab der Reformation die erforderliche Kraft und war für Luther eine Quelle großer Ermutigung. {GK 134.2; GC.134.2}

aus „Der Große Kampf“, von Ellen G. White, S.124-126, Saatkornverlag Hamburg, 1973; Herausgeber der hier verwendeten digitalen Ausführung: Ellen G. White Estate, Inc.; weiterlesen bei www.egwwritings.org