Mein Leben war von klein auf geprägt von Luther und der Wartburg. Geboren bin ich in Eisenach, der Wartburgstadt. Es ist die Stadt, in der auch Martin Luther zur Schule ging, in der er später mehrmals predigte, sogar auf dem Weg nach Worms und zurück. Und die er „meine liebe Stadt“ nannte. Über Eisenach thront immer noch erhaben und ruhig die Wartburg. In den ersten sechs Jahren meines Lebens wohnte ich mit meinen Eltern in Eisenach. Ebenso wenig wie die gelegentlichen Spaziergänge auf die Wartburg ließ sich vermeiden, dass die Wartburg häufig im Blickfeld lag. Im Schlafzimmer meiner Eltern hing auch ein großformatiger Kunstdruck des „Rosenwunders“ von Moritz von Schwind. Das Original befindet sich in der Wartburg.

Als ich sechs Jahre alt war, sind wir in ein verträumtes, am Dorfrand gelegenes Haus mit einem riesigen Garten gezogen. Unser neues Domizil war nur gute zwei Wegstunden von der Wartburg und 15 Autominuten von Eisenach entfernt. Daraus ergab sich, dass  die Wartburg, Eisenach und Luther weiterhin mein Leben berührten. Da meine Eltern gerne wanderten und die Wartburg in greifbarer Nähe und noch dazu in einer wunderschönen Umgebung lag, war mir auch da der obligatorische Wartburgspaziergang sicher.

Später hatte ich das Vorrecht, ins Luther-Gymnasium zu gehen. Doch das Gebäude, in dem Luther von 1498 bis 1501 zur Schule gegangen war, gab Anfang der 1990-er Jahren schon lange nicht mehr. Zu seiner Zeit war die Lateinschule an die Georgenkirche angeschlossen und befand sich gegenüber derselben, auf der heutigen Esplanade. Es war die Pfarrschule zu St. Georgen. Ab 1531 fand Luthers Schule ein neues Domizil im ehemaligen Dominikanerkloster, dem heutigen Luther-Gymnasium. Dieses war zu meiner Zeit noch ein Außenposten des renommierten Ernst-Abbé-Gymnasiums. Und dort habe ich mein erstes Referat über Luther gehalten.

Mein ganzes Leben war so „luther-gesättigt“ wie es als Kind religionsloser Eltern in der DDR nur sein konnte.  Doch vom Christentum an sich wusste ich nicht viel. Später hatte sich das geändert, denn nach der Wende hielt der Religions- bzw. Ethikunterricht in den Schulen Einzug. Der eiserne Vorhang war zerrissen. Die Kirchen konnten freier atmen. Allerdings hatte Luther gegen Ende des DDR-Regimes ein recht gutes Auskommen gehabt. Als einer, der sich gegen Kaiser und Kirche gestellt hatte, konnte man ihn gut als Kämpfer gegen den Imperialismus instrumentalisieren. Aber lassen wir die Kirche im Dorf. Thomas Müntzer, der feurige Agitator des Bauernkrieges, war den bejahrten Herren der SED dann doch der Liebere, was aber der Akzeptanz, die Luther und die Reformation zumindest in den letzten DDR-Jahren genossen haben, keinen Abbruch tat.

Es war nach meinem Wechsel vom Außenposten der Lutherschule in das Herzstück und Hauptgebäude des Abbé-Gymnasiums, dass ich Luthers Lehre von der Gerechtigkeit aus Glauben auf ganz persönliche Art kennenlernen konnte. Bisher war die Bibel vor mir verborgen geblieben, nun kam ich mit ihr in Kontakt. Als 16-Jährige mit einem Hang zur Rebellion war es vielleicht ein Vorteil, dass meine Eltern nicht religiös waren. So richtete sich meine Widerstand gegen alles Mögliche, nur nicht gegen das Christentum und die Bibel. Diese waren für mich quasi revolutionäre Dinge, die vom „Establishment“ (meinen Eltern ;-)) mit reichlich Abstand und Skepsis betrachtet wurden. Durch das Lesen in der Bibel lernte ich Jesus Christus kennen und lieben. Ich erkannte, dass die Bibel Gottes Wort ist und Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben, der auferstandene Gott.

Martin Luther ist mir seitdem noch lieber geworden. Die Wartburg und die Stadt Eisenach auch. Oft bin ich seitdem von meinem Elternhaus aus dorthin gewandert, habe unzählige Fotos gemacht und Gemälde und Fresken betrachtet. Und mich immer wieder mit Schriften von diesem und über diesen Kämpfer der Wahrheit beschäftigt.

Luther ist für mich ein Mann, der gerade in jungen Jahren seinem Gewissen folgte, ungeachtet der Kosten. Ein Mann, der sich nicht mit Kompromissen zufrieden gab, zumindest im ersten Teil seines Lebens. Ein Mann, der Schwächen hatte und irre ging. Aber durch den Gott in Europa ein großes Werk beginnen konnte, dass den Startschuss zur Entwicklung der religiösen und bürgerlichen Freiheit gab. Luther schwächte unter Einsatz seines Lebens die Macht der unduldsamen römisch-katholischen Kirche in einem Maß, wie es nachher vielleicht nur mit der Absetzung des Papstes Pius VI. 1798 durch General Berthier übertroffen werden konnte.

Luther würde jedoch abstreiten, dass ihm diese Ehre gebührt. Er hatte 1519 an Staupitz geschrieben: „»Gott reißt, treibt, ich kann nicht sagen, führt mich; ich bin meiner nicht mächtig, ich will stille sein und werde mitten in den Lärm hineingerissen.« (Brief an Johann v. Staupitz, 20. Februar 1519) Er war der Überzeugung, dass Einer, der mächtiger war er selbst, das Heft in der Hand hielt und den Lauf der Ereignisse lenkte.